Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 459 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bäuerliche Frömmigkeit gesprochen. Man beruhigt seine Zweifel: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich". Der Gott, den der Bauer kennt, ist nicht der Gott der naturwissenschaftlichen Weltanschauung; der Gott des Bauern weiß nichts von starrer Bindung durch die Ordnung der Natur. Bauernglaube als Autoritätsglaube hat darum nichts mit Vernunft oder Gefühl zu schaffen, so sehr auch der Bauer nachträglich reflektiert und sich darin als Rationalist erweist. Das Gefühl gehört für ihn in die Buße: „Seine Sünde muß man fühlen". Gefühl ist für den Bauern eine Sache der Frauen; sie vor allem lieben die weichen pietistischen Lieder. Der Bauer ist Rationalist. Er liebt in der Frömmigkeit die klaren Begriffe und Linien; das Christentum wird lehrhaft aufgefaßt und kirchliche Lehren in Vernunftwahrheiten umgewandelt Theologische Richtungen spielen, abgesehen von pietistischen Gemeinden, im Bauerntum keine Rolle; liberal ist ihm der Pfarrer, der ins Wirtshaus geht Konfessionell bestimmt ist die protestantische bäuerliche Frömmigkeit nur in bestimmten Dingen. Man will ein tätiges, weltfrohes, nüchternes Christentum. Man will vielfach keine- Kerzen auf dem Altar, keine Bilder in der Kirche. Man läßt sich konfessioneile Prägung des Christentums mehr gefallen, als daß man sie innerlich sich aneignet Und doch, man will auch nicht katholisch werden; man empfindet das Katholische als etwas Rückständiges. Protestantischer Glaube gilt als vernünftiger und fortschrittlicher. Gelegentlich aber kann man auch hören: „Wir haben doch alle einen Gott". Praktisch ist die bäuerliche kirchliche Frömmigkeit mehr ein Vertragsverhältnis mit Gott als „Gemeinschaft mit Gott". Mit solchen Begriffen wie „Gemeinschaft mit Gott", „Gemeinschaft mit Christus" weiß der bäuerliche Mensch wenig anzufangen; sie entsprechen der einfachen Linienführung bäuerlichen Fühlens und Denkens nicht. Ganz alttestamentlich ist sie „Bund mit Gott". Stark beherrscht der Lohngedanke das bäuerliche Denken. Eine gute Ernte ist verdient; Gott ist mehr oder weniger verpflichtet, sie zu gewähren.. Kein Wunder, daß das Problem des Leidens das Zentralproblem des bäuerlichen Christentums ist, wie auch im Alten Testament! Aus dieser Gesetzlichkeit stammt die Getrostheit im Sterben. Darum wird auch die Beichte gelegentlich von Sterbenden abgelehnt Bäuerliche Frömmigkeit lebt nicht von Rettung und Heiligung der Seele, sondern lebt, aufs ganze gesehen, vom. Recht, auch Gott gegenüber. Nicht mit Unrecht sagt man: der Katholizismus liegt dem bäuerlichen Menschen näher als der Protestantismus. Er lebt fort im protestantischen Bauerntum vermöge gleicher, ähnlicher Grundlage. Erscheint nicht 459