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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 458

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
458 (sequence 10)
Language
German
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Guslav Mahr gewachsen im Kampf um Sein oder Nichtsein des Hofes in langer bäuerlicher Geschichte. III. Ein wesentlich anderes Bild, als wir gezeichnet haben, und doch in den Grundzügen stark von hier bestimmt, ergibt sich, wenn man bäuerliche Frömmigkeit aus der kirchlichen Sitte, soweit sie noch lebendiger Ausdruck gegenwärtigen frommen Lebens ist, abzulesen sucht Der Bauer in seiner kirchlichen Haltung: im Kirchgang, Gottesdienst, in seiner Abendmahlssitle, in der Verehrung der Bibel und kirchlichen Lehre, in den tausend kleinen kirchlichen Sitten, die sein Leben von der Geburt bis zum Grabe begleiten, ist ein anderer. Seine Frömmigkeit ist nicht formell verschieden, nicht in Höhenlage und Geistigkeit der frommen Grundhaltung anders, wohl aber inhaltlich anders bestimmt. Ein Christentum und eine Kirchliqhkeit von ganz eigener Prägung, Volksfrömmigkeit, wenn man will, aber eben bäuerliche Frömmigkeit und Kirchlichkeit. Es zeigt sich, wie viel Hemmung, wie viel Umbiegung das Christentum als geschichtliche Religion, als Offenbarungsreligion von dieser agrarisch-naturalistischen Basis, von diesen wesentlich primitiveren Grundhaltungen geistigen Lebens notwendig erfährt. Der Ernst der altlutherischen Orthodoxie, der Geist der reformierten Kirchenlehre und Kirchenzucht wird sichtbar, wenn dem Bauer das „Wort" alles ist. „Es steht geschrieben", das entscheidet für ihn in Fragen der Lehre und Frömmigkeit. Die Bindung an die Heilige Schrift ist eine durchaus sachliche Bindung, nicht eine Bindung um ihrer Herrlichkeit willen, sondern in fast magischer Verehrung, unterstützt von der Erfahrung des Lebens und getragen von der Erbweisheit der Väter. An dieser biblischen Grundlage zu rütteln, ist dem Bauern wider alle Ordnung, so sehr man sich auch im einzelnen praktisch vom Bibelglauben dispensiert. Man Aveiß nichts von Zwiespalt und Zerrissenheit der modernen Seele. Wie des Bauern Arbeit hart und schwer ist, die Faust schwielig und die Hand schwerfällig, so ist es auch sein Glaube; sein Glaube will und muß auf sichtbaren, greifbaren Realitäten stehen. Ihm ist Glaube gehorsame Anerkennung der von Gott gewirkten und in der Bibel mitgeteilten Heilstatsachen: Gesetzlichkeit, Gebundenheit des christlichen Lebens. Bauernglaube ist Autoritätsglaube, traditionalistisch gefaßt: „Man muß bleiben bei dem, was man gelernt hat." Ein Autoritätsglaube, der aus Leben und Erfahrung heraus oft wunderbar persönlich erfaßt und gelebt wird. Zweifel sind nicht selten, aber sie werden nicht aus- 458

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