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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 455

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
455 (sequence 7)
Language
German
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Bäuerliche Frömmigkeit Nichts wäre verkehrter, als zu erwarten, daß der Bauer alles und jedes in seinem Leben und in seiner Arbeit auf Gott bezieht, so wenig wir das tun als religiöse Menschen. Das Göttliche spricht zu ihm. in der Totalität seines Lebens, in besonders ergreifenden und eingreifenden Ereignissen des Lebens und der Natur. Gott spricht vor allem zu ihm im Kreislauf des Jahres, in den Sorgen der Arbeit, vor allem in der Ernte. Grundstimmung der bäuerlichen Seele ist ein mit starkem Fatalismus gemischtes Gottvertrauen. Der bäuerliche Fatalismus wird gemildert durch eine teleologisch-naturalistische Auffassung des Leidens: „Es wird schon recht sein", gemildert und oft geradezu überwunden von den alten Kreuz- und Trostliedern des Gesangbuches her. Bäuerliches Gottvertrauen hat noch heute die Form des altgermanischen Schicksalsglaubens. Wer die Eddalieder kennt, weiß von diesem Glauben, nach dem alles bestimmt ist: Leben und Sterben des Menschen. Darum, weil alles bestimmt ist, muß man nach bäuerlichem Glauben alles nehmen, wie es kommt: „Man muß es tragen", heißt es; „wie Gott es will", hört man immer wieder. Bäuerliche Frömmigkeit ist in solchem Tragen eine Religion von selten großer Kraft, von hohem sittlichem Ernst In Höhenlage, Geistigkeit, in Herbigkeit und Innerlichkeit erinnert sie an die alttestamentliche Religion, die ebenfalls eine Bauernreligion ist. Es ist richtig, daß diese agrarische Frömmigkeit mit der offiziellen Frömmigkeit, wie sie die Predigt der Kirche will, nichts oder wenig zu tun hat Sie wächst aus kosmischen, nicht aus geschichtlichen Hintergründen: eine Religion der Natur, nicht des Buches, der Offenbarung. Eine Religion der Arbeit und der Sorge, nicht der Sorge zuerst um die Seele. Eine Religion deä schweigenden Gottvertrauens, nicht fröhlich zuversichtliches Gottvertrauen des Christenmenschen. Nie frei vom Gedanken des alttestamentlichen Strafleidens. In ihrer letzten Wesenheit fremd dem kirchlichen Glauben und Denken, weil von anders her gewachsen. Auch darin erweist sich bäuerliches Wesen als spröder Stoff für kirchliche Arbeit, daß der bäuerliche Mensch', wie wir schon angedeutet, wenig Sinn für seelische Werte hat. Die Welt des persönlichen Lebens, die Bedeutung der geistigen Welt, ihre Wesenheit und das ihr eigentümliche Leben ist vom bäuerlichen Menschen wie von allen primitiveren Schichten des Volkes noch nicht gesehen, es sei denn, daß vom Christentum her, insbesondere von pietistischen Strömungen her dieser Trieb erwacht. Die Sorge um die Seele hat Zeit, meint der Bauer, bis in die Sterbestunde. Bäuerliches Denken und Leben ist erfüllt vom harten Kampf um den Hof. Um den Hof dreht sich alles. Der Mensch ist ihm gegenüber nichts; er wird 455

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