Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 454 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Guslav Mahr Leben und Erleben seinen Ausdruck findet, sind jedesmal die Herzen innerlich bewegt Denn das alles redet unmittelbar zu der bäuerlichen Gemeinde: Lied und Gebet, Predigt und Erntekranz, der festlich geschmückte Altar mit seinen Blumen, Früchten und Äliren; nicht minder reden die neben dem Altar aufgerichteten Symbole bäuerlicher Arbeit, Sense, Sichel und Harke, vor allem aber die Kinder selbst in ihren festlichen Kleidern: in den Händen die Früchte des Feldes, Lob und Dank sagend dem Herrn, unserm Gott. Ganz elementar hat bäuerliches Leben und Erleben sich einen sichtbaren Ausdruck im Kultus geschaffen: von altersher, schon im israelitischen Kultus, so auch im christlichen Gottesdienst. Es wäre verwunderlich, wenn es anders wäre. Um was dreht sich jahraus jahrein, Tag für Tag bäuerliches Denken und Sehnen? Doch um Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht (i. Mose 8, 22). Hinein in den Kreislauf des Jahres ist der bäuerliche Mensch eingefügt, ob er es will oder nicht: ein Stück Natur selber werdend;, abhängig von ihr, ein Empfangender und ein Mitschaffender zugleich. Aus diesem lebendigen Gebundensein an die Natur heraus spricht der Bauer vom „lieben" Brot, empfindet er Grauen und Entsetzen, empfindet er es als Nichtachtung, als Frevel wider die heilige schenkende Güte Gottes, wenn Brot achtlos beiseite geworfen wird. Jn vielen Gegenden wird heute noch kein Brot angeschnitten, ohne daß man darüber das Zeichen des Kreuzes macht. Mag bäuerliches Denken heute weit wirtschaftlicher und naturwissenschaftlicher sein als früher, — die Frömmigkeit des bäuerlichen Menschen bleibt mit dem Grund und Boden verwachsen, mit den zeugenden Mächten der lebendigen Natur verbunden, bleibt eingegliedert in den Kreislauf der Natur. Es wird so bleiben, daß, wo der Städter mit menschlichen, veränderlichen Ursachen, mit Gesetzen rechnet, der bäuerliche Mensch in seiner Arbeit mit den Gewalten des Schicksals, mit den Mächten der lebendigen Natur rechnen wird. Niemals kann der Bauer bloß als Betrachtender der Nah. - gegenüberstehen wie etwa der Städter. So wird aller modernen Schulbildung zum Trotz bäuerliches Leben naturhafter bleiben als das unsere, von stärkerem, feinerem Gefühl für letzte Hintergründe und Mächte im kosmischen und menschlichen Leben. Erd- und bodenverwachsen empfindet und urteilt er anders als wir, die wir in den Städten alle Beziehungen zum Boden gelöst haben. Ganz davon zu schweigen, daß es sich in unseren Dörfern mit ihrer gewachsenen Sitte und Überlieferung, mit ihren geschlossenen Traditionen um Erbglauben von den Vätern her handelt, ein Erbglaube, immer wieder aufs neue gefestigt durch die bäuerliche Erfahrung. 454