Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 453 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bäuerliche Frömmigkeit Symbole religiösen Lebens und Fühlens: also die Sitte des bäuerlichen Menschen, seine Sprache, die Sprichwörter u. a. Darin spricht der bäuerliche Mensch sein tiefstes Leben, seine letzten Erfahrungen aus. Die analytische Psychologie eines Freud, C. G. Jung rechtfertigt unsere Einstellung. Gerade in den Sympiomhandlungen, im Symbol drückt sich das Unbewußte aus; hier werden letzte Triebkräfte der Seele, sonst verborgen, sichtbar. Von daher haben wir die Möglichkeit, auch die Heimlichkeiten der bäuerlichen Seele, die tiefsten Hintergründe bäuerlicher Frömmigkeit zu deuten. Die Stunden sind selten, wo das Menschenherz sich voll auftut und Tiefstes offenbart, wo es sich unmittelbar von selbst auf tut, wie die Blume sich entfaltet, von den linden Düften des Frühlings umfangen. Gelegentlich geschieht es, etwa in der Sterbestunde. Wir kennen ergreifende Zeugnisse der Bauernseele. Aber wie selten ist das! Erinnern wir uns, aller landläufigen Psychologie zum Trotz, der Lehre der analytischen Psychologie, daß das Bewußte niemals Spiegelbild des Unbewußten, der Tiefe der Seele sein kann, auch nicht in der bäuerlichen Sphäre» so wenig wie bei uns, den Intellektuellen. Das Bewußte weiß nichts vom LTnbewußten; in der Symptomhandlung, im Symbol, im Traum bahnt sich das Unbewußte einen Weg und wird deutbar. II. Was bäuerliche Frömmigkeit ist, wurde mir nirgends deutlicher als am Erntedankfest auf dem Dorf. Das Erntedankfest ist das besondere, ihm eigene Fest des Bauerntums: ein Fest, fremd in der Stadt, nur mit Umdeutungen dort zu halten und oft künstlich genug gehalten, hier aber auf dem Lande wurzelhaft und lebensecht. Es will etwa besagen, daß es sich seinen Platz im Kultus erobert hat; der Kultus selbst muß davon zeugen, wie aus dem Ackerbau lebendige Gefühle der Frömmigkeit geboren und von dort her genährt werden. Wir wissen, daß die großen drei christlichen Feste Naturfeste waren und wie man sie umgedeutet in christlich-geschichtliche Feste; das Erntedankfest widerstand. Es blieb, was es war: ein Fest mit reinen Naturgrundlagen; es spottete aller Umdeutung, so oft man es auch versuchte (Dank für das geistliche Brot). Niemals im Gottesdienst, außer etwa an Weihnachten, erklingen die Choräle so aus dem Herzen der Gemeinde, liegt tiefe Ergriffenheit über der Gemeinde und leuchten die Augen von alt und jung, als am Erntedankfest. Wenn die Kinder am Altar stehen und die Erntegaben auf den Altar niederlegen, wenn mit Worten der Heiligen Schrift, mit Liedversen bäuerliches 453