Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895489-2900155--03908-2900214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gustav Mahr kommt es verkehrt heraus. Mit der Feder geht es auch manchmal ungeschickt. Ja, so sind die Mekelbörger: dat Best seggen sei meist nich, un wenn sei dal doch seggen, denn is dat gewöhnlich tau lat, odder sei kamen dormit verdwas tau Platz. Meiner alten Mutter sagle ich so was auch einmal in den Tagen, als es mit ihr zu Ende ging. Da hat sie mich mit großen und merkwürdigen Augen angesehen. Aber dann stieg mir was in die Kehle herauf, und ich konnte ihr man bloß über ihre Backe straken und über ihre Hand. Na, sie hat mich doch wohl verstanden, denn es war meine Mutter. Es ist eben so: Inwendige Sachen behält der Norddeutsche meist für sich." Was hier vom norddeutschen Bauern gesagt wird, gilt ganz allgemein. Will man sich bäuerlicher Frömmigkeit nähern, dann wird man ausgehen von der Tatsache, daß, wie es eine geheime Religion der Gebildeten gibt, es etwas Ähnliches im Bauerntum gibt. Neben der offiziellen Frömmigkeit, wie sie sich ausprägt im kirchlichen Leben des Bauerntums, vor allem in seiner frommen Sitte, gibt es eine Privatreligion, die der Bauer für sich hat, in der er lebt als dem Ausdruck seiner besonderen Erfahrung im Bauernleben, eine Welt der Innerlichkeit, über die er sich keine Rechenschaft ablegt Der bäuerliche Mensch hat sich diese Frömmigkeit geschaffen, oder besser, sie ist mit ihm geworden und aus seinem Leben herausgewachsen. Sie ist ganz unmittelbar mit der Macht alles Lebendigen neben der kirchlichen Frömmigkeit her gewachsen. Ähnlich wie spontan neben den lateinischen Kierikergesängen des mittelalterlichen Gottesdienstes die Leisen, Lieder in deutscher Sprache, sich an das Kyrie anschließend, vom Volk gesungen, entstanden, und das Volk darin den Ausdruck seiner religiösen Sehnsucht fand. Bäuerliche Frömmigkeit ist nicht eine einheitliche Größe, sich erschöpfend in der offiziellen Frömmigkeit, sondern durchaus eine komplexe Größe: geschichtet, überlagert und unterlagert Am sichersten wird man der bäuerlichen Wirklichkeit gerecht, wenn man ausgeht von den großen Tatsachen des Lebens, in denen bäuerliches Leben wurzelt: von der bäuerlichen Arbeit, ihren Sorgen und Kämpfen, von der Vielgestaltigkeit des dörflichen Lebens und Wesens, kurz von dem, womit sich der bäuerliche Mensch realiter auseinandersetzen muß: hart kämpfend, tatsächlich und nicht nur gedanklich und spielerisch. Wir haben ein Mißtrauen gegen bewußte Äußerungen, Gespräche, Selbstzeugnisse religiösen Lebens als Abbilder seelischen Lebens; sie reichen selten in die Tiefe seelischen Lebens und sind oft mehr Ausdruck des intellektuellen Lebens, wenn nicht gar des ästhetischen Triebs. Aufschlußreicher sind die Handlungen, die 452