Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 451 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bäuerliche Frömmigkeit geistigen Haltung her sagt: „Religion hat im Bauernleben keine sittliche Macht''. Hüten wir uns vor Verallgemeinerung! Hüten wir uns vor allem, bäuerliche Frömmigkeit zu messen mit unseren Maßstäben. Man kann bäuerliche Frömmigkeit nicht anders verstehen als aus ihrem Wesen heraus, aus der ihr eigenen Gesetzmäßigkeit Kenntnis des andern, insbesondere fremder Volksschichten ist eine schwere Kunst. Wir können letztlich uns dem andern nur annähern, nie ihn völlig in seinem Wesen ergründen. Wir sehen nur von außen, von uns her; nur indem wir unsere Erlebnisse eintragen in das andere Leben, verstehen wir den andern "und haben die Möglichkeit, sein Wesen zu erfassen. Wir werden darum Zugang zum andern nur so weit finden, als er sich selbst aufschließt, uns Gelegenheit gibt, unbewußte Schichten seines seelischen Lebens, unbewußte Motive im Inneren zu ertasten. Alle diese Schwierigkeiten sind auch beim Studium der. bäuerlichen Psyche vorhanden; ja sie häufen sich hier im bersonderen Maß. Wir sehen notwendig bäuerliches Leben von der Ebene unseres Seins her und verzerren daher leicht das Bild des bäuerlichen Menschen. Es ist im Grunde eine Vermessenheit, primitivere Menschen verstehen zu wollen! Alle Versuche des Intellektualismus, den bäuerlichen Menschen zu verstehen, arbeiten mit einer Begriffswelt, die von einer dem bäuerlichen Lebensniveau fremden Welt hergenommen ist, die darum die ganz andere, aus anderem Wesen und Gesetz lebende Innerlichkeit des bäuerlichen Menschen mißdeuten muß. Dazu kommt, daß der bäuerliche Mensch verschlossen ist, mißtrauisch, eine Folge seiner steten Bedrängung. Mißtrauisch auch gegen seinesgleichen. Die Menschen im Dorf wohnen zu hart aufeinander. Und wie sollte der bäuerliche Mensch dazu kommen, über solche innerliche Dinge wie über seine Frömmigkeit zu sprechen? Ist nicht jedes Sprechen über diese Dinge verdächtig? Man hat Frömmigkeit oder hat sie nicht. Erst, der problematische Mensch, der seiner Frömmigkeit nicht gewiß ist, spricht davon. Man hat gemeint, es sei Verlegenheit, eine gewisse Hilflosigkeit im Reden, ein Ausdruck der Passivität seines Lebens, wenn der bäuerliche Mensch nicht von seinem frommen Leben spricht Es ist vielmehr geradezu ein Zeichen, wie gesund, tief und echt bäuerliche Frömmigkeit ist, daß der Bauer davon schweigt Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer, sagt einmal: „Mir sind meine Erinnerungen etwas Schönes und Heiliges. Das sind alles solche Gedanken, die im Schummern aus den Winkeln und Ecken der Stuben und des Herzens aufsteigen. Man sagt so was selten und, wenn man es sagt, dann 451 3r