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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 450

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
450 (sequence 2)
Language
German
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Gustav Mahr bäuerlicher Frömmigkeit zu beschränken, das Besondere und Zufällige im gegenwärtigen Bauerntum zurückzustellen und das Wesen bäuerlicher Frömmigkeit am altbäuerlichen Menschen von heute zu studieren. Der altbäuerliche Mensch stellt in seiner Verhaltungsweise und religiösen Reaktionsweise bäuerliche Frömmigkeit reiner, typischer dar als das Jungbauerntuni. Das Jungbauerntum gärt zu viel, gärt wie junger Most, der nicht weiß, was aus ihm werden will. Wie weit sich das Jungbauerntum dem Wesen alten Bauerntums annähert, das Wesentliche im bäuerlichen Leben wiederfindet und ausprägt, es neu prägt, ist eine Frage der Zeit. Um das Verständnis der bäuerlichen Seele hat man sich ernstlich bemüht. Zu einer Verständigung ist es noch nicht gekommen; jeder sucht seinen eigenen Weg und kommt zu einer eigenen Deutung. Einer der glänzendsten Versuche ist l'Houets „Psychologie des Bauerntums" (Verlag Mohr, Tübingen). Bewußt einseitig, etwas formelhaft und doch wieder geistvoll, vielleicht zu geistvoll, so daß dieser Versuch der Wirklichkeit bäuerlichen Lebens nicht gerecht wird. Es ist nicht leicht, sich dem Geheimnis bäuerlicher Frömmigkeit zu nähern. Man darf schon von einem „Geheminis" reden. Auch, wer lange auf dem Dorf lebt, steht vor Rätseln. In einem Pfarrkranz miterhielten sich die Pfarrer über die Frömmigkeit des Bauern. Ein junger Pfarrer bezweifelte die Existenz einer „bäuerlichen" Frömmigkeit: „Er taste wie im Nebel und finde sich nicht durch." Sein Nachbar gibt zur Antwort: „Schon das achte Jahr bin ich auf dem Dorf; erst jetzt beginne ich, die gröbsten Linien meines Dorfes zu sehen. Es gibt etwas wie eine bäuerliche Frömmigkeit. Aber wie soll man sie beschreiben?" „Ob nicht die bäuerliche Frömmigkeit", meinte ein anderer, „zuletzt doch nichts anderes sei als Volksfrömmigkeit: dem Volk als solchem eigen? Eine Frömmigkeit im Unterschied von der des einzelnen, im Unterschied von heroischer Frömmigkeit, von der Frömmigkeit des zweiten Wuchses, wie man zu sagen pflege." Unvergeßlich ist es mir, als auf dem ersten Dorfkirchentag in Berlin (1913) ein Pfarrer in mittleren Jahren sagte: „Eine Bauernseele habe er noch nie entdeckt." Man kann oft bittere Urteile, verzerrte Urteile über bäuerliche Frömmigkeit hören: „Dem Bauern ist alles Geschäft, Verdienen ist die einzige Religion." Wir verstehen es, wenn der eine oder andere im Blick auf die maßlose Rachsucht und Unversöhnlichkeit in manchem Dorf, auf die Gehässigkeit und Feindschaft zwischen einzelnen, die oft Generationen hindurch dauert, wenn er im Blick auf das Gesamtverhalten bäuerlichen Lebens von seiner ganz anders gearteten 450

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