Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Die Krisis der Religion in der Großstadt
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 423 (sequence 3)
- Language
- German
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Di« Krisis der Religion der Großstadt Diese älteste Schicht großstädtischen Lebens ist heute schon fast völlig verschwunden. Ihre religiös-optimistische Haltung kommt auch nicht mehr in den vom Lande her zuwandernden neuen Scharen zum I>urchbruch. Denn inzwischen ist ja auch das Land längst in den großstädtisch-weltwirtschaftlichen Zusammenhang hineingestoßen worden, so daß hier die älteren religiösen Bindungen bereits weithin aufgelockert sind. Um so kraftvollere Vertreter liefert das Land heute noch für die zweite Lebensschicht, die für den Ablauf des religiösen Lebens in der Großstadt charakteristisch geworden ist. Wir können sie. kennzeichnen als die Schicht derer, die, aus letzten religiösen Grundkräften heraus, in die scharfe Protesthaitung gegen das großstädtische Leben hineingerieten. Während jene älteste Großstadtgeneration bis hinein in die Prolelarierschichten sich durch die neuen Ausblicke zu der Glut einer positiven neuen Hoffnung, zu einem neuen religiös gefärbten Freiheitsideal entzünden ließ, nahm in dieser zweiten Schicht der noch vorhandene Unterstrom religiösen Lebens die entgegengesetzte Richtung: er wurde zum Protest gegen die großstädtische Vergewaltigung des Lebens. Schon Wicherns Erziehungsbemühungen um eine verwahrlosende Großstadtjugend in seiner Siedlung am Rande der Großstadt lagen auf dieser Linie. Sie setzte sich fort — um nur einige der Hauptetappen zu nennen — in der Setüementsbewegung, hinter der, auch in ihrer humanitären Form wie etwa in der Volksheimbewegung, starke religiöse Proteststimmungen gegen großstädtische Lebensverkümmerung wirksam waren (auch hier wurde bereits kräftig gewandert!); sie erlebte ihren glutvollsten Ausdruck in der das ganze Großstadtleben verneinenden Wandervogel- und Jugendbewegung. Hinter allen diesen Bewegungen — man muß sie in ihrem weitesten Umkreise sehen bis hin zu der Eigenheim- und Siedlungsbewegung unserer Tage — stehen religiöse Grundkräfte der Vergangenheit von uralten heidnisch-naturhaften Stimmungen bis zu asketisch-weitabgewandten Reminiszenzen der großen Kulturreligionen. Aber auch diese zweite für den großstädtischen Ablauf des religiösen Lebens charakteristische Bewegung hat heute längst ihren Höhepunkt überschritten. Noch geht sie in unsern Tagen ziemlich in die Breite. Die Ausläufer etwa der Jugendbewegung leben fort in dem großstädtischen Wander- und Siedlungstrieb, in der Ferienheim- und Freizeitbewegung, ganz besonders aber in einer Reihe pädagogischer Bestrebungen: Die Schulheime, eine große Anzahl der Volkshochschulen, die Landerziehungsheime und ihre Abwandlungen sind echte Kinder dieser Protestbewegung. Aber alle diese Bestrebungen speisen sich 423