Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Die Krisis der Religion in der Großstadt
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Heitmann bewegung die einmal begonnene Entwicklung zum entscheidenden Siege. Die Aufklärung und das Jahrhundert des naturwissenschaftlichen Denkens vollenden den großen Loslösungsprozeß von der religiösen Bindung. Die Entwicklung zur modernen Großstadt ist das letzte nach außen hin sichtbar gewordene Stadium dieses Prozesses. Die Gioßstadtentwicklung selbst erweist sich immer deutlicher als ein Ablauf, der an keinem Punkte die Ruhelage für sichere und stetige Durchgestaltung zuläßt, sondern jeden Anlauf dazu sofort wieder zerstört. Man kann heute nicht mehr, wie vielleicht noch in der hinter uns liegenden Generation, von durchgebildeten Typen großstädtischer Frömmigkeit reden. Jede Einzelerscheinung erweist sich schnell als ein Durchgangsstadium. Die Dinge selbst sind auf der Flucht vor jeder Bindung. Das Großstadtgeschlecht ist heute bereits ausgeschlossen von der Urfunktion alles menschlichen Daseins, „das, was in schwankender Erscheinung schwebt, zu festigen mit dauernden Gedanken". In dieser Tatsache tritt die religiöse Krisis ganz scharf heraus. I. Sie hat sich in dem Ablauf der Großstadtentwicklung allerdings erst allmählich enthüllt Vergegenwärtigen wir uns in Kürze die Hauptetappen dieses Ablaufs! Noch ist in der Großstadt jene Generation nicht ganz ausgestorben, die den leidenschaftlichen Schwung der ersten Entdeckung der neuen Entfaltungsmöglichkeiten verkörpert Die erste Unternehmergeneration, die sich in die neuen Chancen einer großzügigen Arbeit und eines großangelegten Lebensstils hineinstürzte, das seiner Kraft bewußt werdende neue Bürgertum, ja auch noch die ersten vom Lande her zugewanderten Arbeiterscharen, in denen die proletarische Massenbewegung zu erwachen begann, waren noch durchglüht von einem starken religiösen Schwung. Das großstädtische Bürgertum hat eine Aera eines kräftigen religiösen Idealismus erlebt, der sich nicht nur in der religiösen Geistigkeit einer an höchsten Zielen orientierten Persönlichkeitskultur und in einer gepflegten häuslich-kirchlichen Sitte, sondern auch in einem starken persönlich-sozialen Verantwortungsbewußtsein kundtat Andererseits lebte in jener ersten großstädtischen Arbeitergeneration noch die ganze Glut eines religiösen Zukunftsbildes und auch noch eine tiefe Verbundenheit mit dem volkstümlich-dumpfen Untergrunde ursprünglicher Frömmigkeit, sowie eine zäh festgehaltene Kirch- Uchkeit 422