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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 425

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Die Krisis der Religion in der Großstadt
Date
1929-12-01
Page
425 (sequence 5)
Language
German
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Die Krisis der Religion der Großstadt Freiheit sich ergossen, die der Geschichtsepoche der Neuzeit ihr Gepräge gegeben hat Das neueste Stadium großstädtischer Entwicklung weist noch auf diese Quellen zurück — aber es ist sein heute schon nicht mehr zu verkennendes Schicksalszeichen: es bringt sie auch zum Versiegen. Die scheinbar so lebendigen Bewegungen dieses jüngsten Stadiums großstädtischer Entwicklung tragen die Verzerrungen des Endspurts auf der Stirn; sie führen zu immer neuen Erschöpfungserscheinungen; ihre immer deutlicher hervortretende Signatur ist die Ungeistigkeit Verschleuderte Kraft, nicht sinnvoll gestaltende Geistesmächtigkeit ist ihr eigentliches Wesen. Sicherlich spielt bei dieser Entwicklung, soweit sie sich auf dem Boden unseres Volkes vollzieht, der Erschöpfungszustand nach dem Kriege eine Rolle. Auch könnte man darauf hinweisen, daß die eben durch den verlorenen Krieg erzwungene gewaltsame Überfremdung mit ganz andersartigen Lebensformen, wie man sie durch den Sammelnamen „Amerikanismus" zu kennzeichnen pflegt, diesen Betäubungserscheinungen Vorschub leiste. So richtig diese Hinweise sein mögen, sie können nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier eine, wenn auch durch äußere Umstände geförderte, so doch innerlich notwendige Entwicklung zur Vollendung kommt In ihr tritt die Krisis der Religion in einer bisher noch nicht beobachteten Schärfe heraus. III. Sie offenbart sich in drei Grundzügen, die im großstädtischen Lebensprozeß immer deutlicher sichtbar werden. Der erste ist die zunehmende Loslösung aller Lebensseiten von jeder Tiefenbindung. Wir greifen einige Gebiete heraus. Die Eigengesetzlichkeit des Wirtschaftslebens nimmt Formen an, die jede Verantwortung vor dem Sinn und Bestände des Lebensganzen immer mehr ausschaltet: Die Rentabilität ist heute schon auf weite Strecken der schärfste Feind einer auf das Ganzie des Lebens schauenden Produktivität Der das Leben beherrschende Zweckgedanke beschränkt sich immer mehr auf die Bedürfnisse der nächsten Stunde und des nächstliegenden Lebensdranges. Das Prinzip des schnellen Umsatzes schnürt systematisch jede tiefere Sinngebung dieser Lebensseite ab. Wir beobachten die gleiche Entwicklung im staatlichen und politischen Leben. Das Schlagwort der Oberfläche gibt für weiterschauende politische Gestaltung immer weniger Raum. Das Familienleben der Großstadt lockert sich zu einer Zweckgemeinschaft einzelner Menschen für bestimmte periphere Lebens- 425

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