Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Die Krisis der Religion in der Großstadt
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 421 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Krisis der Religion in der Großstadt Von Ludwig Heitmann Es ist unserer Generation längst zum Bewußtsein gekommen, daß die tiefgreifenden sozialen Umwälzungen, die mit der Entwicklung zur modernen Großstadt gegeben waren, nur die Außenerscheinung eines in der Tiefe sich vollziehenden Wandlungsprozesses der religiösen Grundkräfte sind. Die rein soziologische Betrachtung der großstädtischen Lebenserscheinungen genügt nicht mehr, um ihr innerstes Wesen zu erfassen. Die gewaltige Wanderbewegung, die das bis dahin durch Sippe, Dorf, Gemeinde, städtisches Gemeinwesen organisch gebundene Leben ergriffen .und zu atomisierten großstädtischen Massen zusammengeballt hat, ist nur der Vordergrund einer tiefen Lebenskrisis, deren Ausmaß in der uns näher Kegenden Völkergeschichte höchstens in der Völkerwanderung eine gewisse Parallele hat Die große Auflösung, die heute längst bis in die innerste Zelle des sozialen Lebens, die Familie, vorgedrungen ist, läßt sich nicht aus rein technisch-wirtschaftlichen Notwendigkeiten erklären. Sie weist auf eine Erschütterung der letzten Grundlagen zurück, auf denen das Lebensganze ruht' Sie ist Symptom einer religiösen Krisis, deren letzte äußere Wirkungen in der Großstadt sichtbar werden. Der geschichtliche Prozeß, der zu diesem Ergebnis führte, tritt heute deutlich heraus. Auf der Höhe des Mittelalters entspringt — in der Gotik bereits deutlich sich anbahnend — jene Bewegung, die auf die Loslösung aller Lebensseiten vom religiösen Zentrum hindrängt und in einer folgerichtigen Entwicklung die Eigenständigkeit der Völker, der Stände, der Einzelmenschen, der Ein2elgebiete menschlicher Lebensbetätigung herausarbeitet Die Reformation unternimmt es noch einmal, durch das Gewissen des Einzelnen hindurch das Ganze des Lebens an den alles beherrschenden göttlichen Willen zu binden. Aber daneben, im Gegensatz und im Zusammenhang mit ihr bringt die Renaissance- 42\