Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 407 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums bleiben? Weil — jenseits aller Philosophie — der letzte Lebensweg, wo sich Ehrfurcht an Ehrfurcht entzündet, gegeben ist durch die Vorfahren des Geschlechts. Denn wir leben alle in der Tiefe unserer Seele das Leben unserer Toten. Conrad Ferdinand Meyer, läßt so die Toten zu den Lebenden sprechen: „Wir Toten, wir Toten sind größere Heere Als Ihr auf der Erde, als Ihr auf dem Meere! Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, Ihr schwinget die Sichel und schneidet die Saaten. Und was wir vollendet, und was wir begonnen, Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen; Und all unser Lieben und Hassen und Hadern, Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern, Und was wir an gültigen Sätzen gefunden, Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden, Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte Erkämpfen den Lorbeer in strahlendem Lichte, Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele — Drum ehret und opfert I Denn unser sind viele I" Das ist die Ehrfurcht vor den Toten und vor der Vergangenheit, eine Ehrfurcht, die sich entzündet an jenen Offenbarungen, die uns vergangene Geschlechter gegeben. Ich bin ausgegangen von der Frage Goethes: Wie steht es mit der Ehrfurcht? Muß Ehrfurcht anerzogen werden, d. h. herauserzogen? Und ich komme zu der Schlußfrage meiner Ausführungen: Was tun wir, was sollen und können wir tun, damit wir das Kostbarste, das der Mensch besitzt, die Ehrfurcht, unsern Kindern, den kommenden Geschlechtern neu gewinnen und erhalten? Daß Ehrfurcht auch verloren gehen kann, daß sie ein Kapital ist, das einmal aufgezehrt werden kann, das haben wir zur Genüge an manchen Erscheinungen der Gegenwart erlebt. Ich denke nicht an kleine stürmische Empörungen der Jugend, die immer einmal kommen, sondern an Menschen, auch unter unseren Glaubensgenossen, die das Gefühl für Ehrfurcht in starkem Maße eingebüßt haben, — noch schlimmer: die gar nicht mehr wissen, um was es sich dabei handelt, — Gefüjhlsatheisten, denen das Gefühl für Ehrfurcht abgestorben ist. 407 28*