Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 406 (sequence 9)
- Language
- German
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Julius Goldstein festzuhalten, in Worte zu bringen, in Symbole zu fassen, — diese Menschen, mit einer königlichen Phantasie ausgestattet, die das Gestaltlose, Unendliche, endlich und gestaltvoll machen können, auf daß es dann in Jahrhunderten und Jahrtausenden noch Generationen als Offenbarung zuteil werde: solche Menschen nennen wir Propheten, Gottbegnadete, Heilige, Weltdichter. Was bedeutet denn uns Juden eigentlich die Religion, was bedeutet es, wenn wir im Wandel der Zeiten hindurch uns Juden nennen, andere sich Christen, Protestanten, Katholiken? Das bedeutet: Jede dieser Gruppen bemüht sich, den Weg zu Gott auf dem Wege der besonderen Ehrfurcht, den Menschen ihrer Art früher einmal gegangen sind, zu finden. Die Zeiten und Generationen sind ergänzungsbedürftig. Was wäre das europäische Geschlecht von heute, wenn nicht vor Jahrtausenden einmal jüdische Propheten jene großen Weltzusammenhänge erschaut und festgehalten hätten in den ewigen Worten eines Jeremias und Jesajas und den Psalmen, in den Symbolen und Handlungen, die uns gemahnen sollen: Hier ist vor Jahrtausenden einmal ein Mensch gewesen, der die Offenbarung und Wunder schaute. Er konnte sie festhalten in sichtbaren, endlichen Worten, festhalten, was ihn einmal durchschauerte. Und so gehen diese Worte durch den Strom der Zeiten, kommen von Generation zu Generation, an Eltern und Kinder, bis herunter zur Gegenwart; alle diese Symbole sind da, daß wir in ihnen und durch sie die Ehrfurcht vor Gott, sei es in der jüdischen, in der christlichen, in der mohammedanischen Weise, erfassen können. Die Generationen sind ergänzungsbedürftig. Das bedeutet gleichzeitig den schon angedeuteten Unterschied zum Tier: Das Tier ist nur Nachkomme. Jeder Nachkomme beginnt da seinen Kreislauf, der wieder zum Anfang zurückkehrt, wo auch der Vorfahre begann. Wir Menschen sind Erben: Wir sind imstande, das, was einmal in der Vergangenheit erworben wurde, an Einsicht in das Göttliche, an Ehrfurcht, wieder in unserer Seele wachzurufen. Der Weg zu Gott, zu unserm Gott, führt immer auf den Weg der Menschen, die vor uns wandelten. In den jüdischen Gebeten gibt es ein Wort, das stets wiederkehrt und das tiefsinnig zeigt, was Vergangenheit, was Tradition, was Offenbarung ist. Wir sprechen niemals in unseren Gebeten von „Gott", sondern sagen „elohenu welche avozenu", „unser Gott und Gott unserer Väter". Das, was sich unsern Vätern einmal in der Gnade erschloß, ist für immer unsere eigne Gnade; die Ehrfurcht, die dort erlebt und in Symbolen festgehalten wurde, ist auch unsere Ehrfurcht und unser Weg zu Gott. Hier liegt auch die Antwort auf die Frage: Warum sollen wir Juden 406