Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 408 (sequence 11)
- Language
- German
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Julius Goldstein In welcher Weise können wir nun Ehrfurcht erwecken? Das ist ein pädagogisches Problem für uns. Ich gebe die Antwort in einem kurzen, Satze: Ehrfurcht können wir im Kinde nur erwecken durch das, was wir die religiöse Kinderstube nennen. Was man unter „Kinderstube" versteht, weiß jeder. Wir sagen von einem Menschen späteren Alters, er habe keine Kinderstube gehabt, wenn gewisse Dinge des Taktes von ihm nicht in der richtigen Weise gehandhabt werden, Dinge, die sich im späteren Alter einfach nicht mehr erlernen lassen. Was bedeutet nun die religiöse Kinderstube? Da ich positiv zur Religion stehe, darf ich es ganz scharf so formulieren: Wir müssen einmal alle in der Religion wie in einem Märchen gelebt haben. Märchen bedeuten für Kinder oft Wirklicheres, Funkelnderes, als die äußere Wirklichkeit. Wir, unsere Kinder, müssen einmal ungebrochenen Herzens und ungebrochenen Geistes gelebt haben in den Formen des religiösen Seins. Das ist für uns Juden bei gutem Willen außerordentlich leicht. Ich will nur ein einziges Beispiel anführen: Der Freitagabend im jüdischen Elternhause, die Kerzen, die entzündet werden, die segnenden Mutterhände über den Lichtern, der Segen des Vaters, die Feierlichkeit der Handlung, das Hinausgehobensein des Freitagabend aus dem Kreislauf des ewig Gestrigen: wer dies einmal in der Jugend erlebt hat, wird es nie vergessen. Mag er sich später noch so weit davon entfernen: es bleibt in ihm ein Letztes, eine tiefinnere Verknüpfung mit dem Heiligen. Er wird immer wieder die Möglichkeit haben, sich zurückzufinden zu den tiefen Mächten des Seins; er wird einen Quell der Lebenspoesie in sich tragen, der ihn niemals zu der furchtbaren Prosa und Dürftigkeit der ausschließlich erwerbenden Existenz kommen läßt. Ihm wird niemals vorgeworfen werden können, er sei ein „Hektiker und Skeptiker des Geistes", es mangele ihm Tiefe. Irgendwie ist er noch in seinem Letzten mit der Größe unserer Vergangenheit verknüpft, mit der Tiefe und Heiligkeit des menschlichen Lebens. Ich habe vom Freitagabend gesprochen; ich könnte auch vom Sederabend, von den hohen Feiertagen sprechen. Nichts aber dringt tiefer, ajs das, was wir den Freitagabend nennen. Ich kenne Menschen, die im tiefsten unglücklich waren. Wenn sie schließlich, nach vielen Jahren, den Freitagabend wiederfanden, wandelten sie sich, und wurden wieder wie einst seelisch glückliche Menschen. „Bildung ist wiedergewonnene Naivität", sagt Harnack einmal. Das, was wir als Kinder in der religiösen Kinderstube erlebt haben, wird uns 408