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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 405

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
Date
1929-10-01
Page
405 (sequence 8)
Language
German
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Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums für die Allgemeinheit leistet, daß das der Sinn seiner qualvollen Operation ist, so würde er sich als ein Held und Märtyrer fühlen und würde die innere Vernunft seiner Schmerzen verstehen. Das Tier ist aber unter die Sinne gebunden und vermag nicht, Gedanken, die über seine Sinne hinausgehen, zu begreifen. Der Mensch jedoch vermag dies. Wir wissen, daß die Welt, in der wir uns befinden, eine Welt der Sinne und Sinnestatsachen ist, daß das Heute und Hier Wirklichkeiten sind, über die andere und weitere Wirklichkeiten gebaut sind. Wir wissen, daß die Welt dieser Sinne und unseres biologischen Daseins eine Welt unter vielen ist. Wir können wenigstens den Gedanken erfassen, können uns eine höhere über die Menschen hinausragende Welt vorstellen. Und wenn es vielleicht Wesen gäbe, die etwa zu uns in einem Verhältnis stünden, wie wir zu dem Tiere auf dem Experimentiertisch, Wesen, die imstande wären, solche Einblicke in höhere Weltzusammenhänge zu bekommen, wie wir in die Welt des sich quälenden Tieres: wenn es solche Menschen gäbe, dann könnte man sich denken, daß hier Einsichten erschlossen würden, die in gewissem Sinne auch andern zugänglich gemacht werden könnten. Gibt es nun Menschen, die zu unserem eignen Leben, zu unserm Da-Sein so stehen, wie wir etwa zu dem Leben der untermenschlichen Kreatur? Zu allen Zeiten und in allen Erdteilen gab es gottbegnadete Menschen, Propheten, Religionsstifter, Weltdichter, Philosophen, die Gesichte einer weiteren Welt hatten, Zusammenhänge aufblitzen sahen, die der gewöhnliche Mensch nicht sehen kann. Aber nicht nur jene begnadeten Wesen, ein jeder von uns hat einmal oder zweimal in seinem Leben, bei einem furchtbaren oder strahlend-jubelnden Ereignis, eine solche Erschütterung erfahren. Denn ist es, als blitzte ahnungsvoll ein weiterer Weltzusammenhang auf, als schauten wir plötzlich in Tiefen, als löste sich alle Starrheit und Gebundenheit, als wandelten wir einen Augenblick in einer weiteren, umfassenderen seelischen Welt. Wodurch unterscheiden wir uns nun von einem gottbegnadeten Menschen? Darin, daß wir das, was wir plötzlich einmal in einem Augenblick erleben, was uns überfällt, — nicht festhalten können, daß es aufleuchtet und verschwindet und wir wieder den Weg des Alltags wandeln; daß es für viele kaum möglich ist, dieses zarteste Geheimnis unseres Seins andern überhaupt mitzuteilen, daß es gar nicht bis in unser letztes Bewußtsein gelangt, sondern nur hauchartig über uns kommt. Diejenigen aber, denen es von Gott verliehen ist, im Leben des Unsichtbaren Sichtbarkeiten schaffen zu können, das, was sie einmal in einem hohen, seltenen Augenblick erschauten, in der Erkenntnis 28 405

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