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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 404

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
Date
1929-10-01
Page
404 (sequence 7)
Language
German
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Julius Goldstein die Großen aller Zeiten wissen es und haben es gesagt: Die Welt ist ungeheuer viel weiter, mächtiger, unergründlicher, als das Weltbild, das unsere Sinne uns geben. Der Mensch ist das einzige Wesen, das von einer übersinnlichen Welt, wenigstens gedankenmäßig, weiß: „Ich bin zwar unter die Sinne gebunden, aber der Ausschnitt, den wir die menschliche Welt nennen, ist nur ein Ausschnitt aus einer viel weiteren Wirklichkeit." Das Tier weiß das nicht. William James, der große amerikanische Psychologe, erläutert dies an einem merkwürdigen Erlebnis, das er in seinem Buche „Der Wille zum Glauben" (Stuttgart 1899) folgendermaßen schildert: „Nehmen Sie einen Fall, welcher einen großen Eindruck auf mich zu machen pflegte, als ich noch Student der Medizin war. Denken Sie sich einen armen Hund, den man in einem Laboratorium viviseziert. Er liegt da, auf ein Brett geschnallt und schreit seinen Peinigern in die Ohren; seinem eignen dunkeln Bewußtsein nach befindet er sich buchstäblich in einer Art Hölle. Er kann bei dem ganzen Vorgang keinen einzigen erlösenden Lichtstrahl sehen; und doch stehen alle diese teuflisch aussehenden Ereignisse oft im Dienste von menschlichen Absichten, in die sich alles, was heroisch an ihm ist, religiösen Sinnes ergeben würde, wenn man nur seinen armen, von Dunkel umfangenen Geist dazu bringen könnte, einen Schimmer davon zu erhaschen. Heilsame Weisheit, Erleichterung künftiger Leiden von Menschen und Tieren, sind durch sie zu erkaufen. Es ist vielleicht in voller Wahrheit ein Prozeß der Erlösung. Wie er da ans Brett geschnallt auf dem Rücken liegt, verrichtet er vielleicht eine Funktion, die unberechenbar höher steht, als alle, welche das glückliche Leben eines Hundes zuläßt; und. doch bildet gerade diese Funktion den einen Teil des ganzen Vorgangs, welcher gänzlich außerhalb seines Gesichtskreises bleiben muß. Nun wenden Sie sich von hier zum Leben des Menschen! Im Leben des Hundes sehen wir die Welt, welche für ihn unsichtbar ist, weil wir in beiden Welten leben. Ebenso kann beim menschlichen Leben, wenngleich wir nur unsere Welt und die des Hundes in ihr sehen, eine noch ausgedehntere Welt vorhanden sein, welche jene beiden Welten in sich einschließt und für uns unsichtbar ist, ganz wie unsere Welt für den Hund; und der Glaube an diese Welt ist vielleicht die wichtigste Funktion, die unser Leben in dieser Welt zu verrichten hat" (p. 62). Könnte man dem Hunde das Bewußtsein beibringen, daß er einen Dienst 404

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