Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 403 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums sucht es zu bekämpfen, der Schwache zu vermeiden, beide wünschen, es los zu werden und fühlen sich glücklich, wenn sie es auf kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre Natur sich zur Freiheit und Unabhängigkeit einigermaßen wieder herstellte. Der natürliche Mensch wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben: Von der Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu fürchten ist leicht, aber beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem. Ungern entschließt sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr entschließt sich nie dazu; es ist ein höherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden muß, und. der sich nur bei besonders Begünstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher für Heilige, für Götter gehalten. Hier hegt die Würde, hier das Geschäft aller echten Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten, gegen welche sie ihre Andacht wenden." Goethe kam zu dem Schlüsse: Furcht ist dem Menschen angeboren, sie tritt von selbst in Erscheinung. Ehrfurcht ist der Möglichkeit nach vorhanden, muß aber geweckt und anerzogen werden. Sie ist etwas spezifisch Menschliches; es gibt keine Tatsache der menschlichen Seele, die so nur ihr allein angehört. Wenn wir verstehen wollen, was hier den Menschen vom Tiere unterscheidet, so müssen wir zwei Dinge beachten: Das Tier ist unter die Sinne gebunden, der Mensch ist es nicht. Tiere sind nur Nachkommen, Menschen aber sind Nachkommen und Erben. Betrachten wir zunächst das erste: Das Tier ist unter die Sinne gebunden. Das bedeutet folgendes: Das Wissen von der Welt und das Weltbild hängt ab von den Sinnen. Die Welt der Ameise, des Pferdes, der Molluske ist jeweils eine andere, weil die Sinnesorganisation aus den verschiedenen Regungen das wahrnimmt, was sie verarbeiten kann. Für ein Wesen, das kein Auge besitzt und keine lichtempfindlichen Stellen, ist die ganze Welt des Lichtes und der Farben nicht vorhanden. Für ein Wesen, das kein Ohr oder Hörorgan besitzt, ist die Welt der Töne nicht vorhanden. Was die Sinne aufnehmen, verarbeitet der Geist; aber Sinne müssen vorhanden sein. Das Tier ist an diese Sinneseindrücke gebunden. Auch die Welt des Menschen ist bedingt durch seine Sinne. Aber der Mensch ist das einzige Wesen, das weiß, daß diese Welt der Sinne nur ein kleiner Ausschnitt aus einer viel weiteren und größeren ist. Der Mensch weiß, daß es mehr Farben gibt, als unser Auge sehen kann, mehr Töne, als unsere Ohren hören können, und der Mensch weiß, oder wenigstens 403