Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 402 (sequence 5)
- Language
- German
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Julius Goldstein spiele anführen kann. Eines sei hier wiedergegeben: Nachdem eine alte Frankfurter Synagoge abgebrannt war, wurden die Steine nicht weggeworfen oder aufs neue zum Bau verwandt, sondern man bewahrte sie auf dem alten Judenfriedbof auf. Pietät I Die Steine dienten einmal dem Gotteshause, von ihnen widerhallte einmal der Name des Ewigen, sie standen — und stehen noch in Beziehung zu Gott. „Auch die zerbrochenen Tafeln wurden in der Bundeslade aufbewahrt", heißt es im Talmud. Selbst in einem so pietätlosen Lande wie Amerika, das nur der Gegenwart und der Zukunft hingegeben ist, sah ich ein erschütterndes Zeichen von Pietät: Die Bibel, auf die George Washington beim Antritt seiner Präsidentschaft vereidigt wurde, liegt noch heute in Washington aufgeschlagen da, und über jene Worte, die er hersagte, und die er mit den Lippen berührte, ist Seidengaze gespannt, damit die Stelle nicht verwischt oder beschmutzt werde. Und soll ich daran erinnern, was im jüdischen Familienleben Pietät bedeutet? Wie vieles an Gebräuchen wird erhalten nur mit Rücksicht auf die Eltern! So ist Pietät ein Band, das Geschlechter mileinander verknüpft und aneinander bindet. Die Ehrfurcht geht auf Unsichtbares, die Pietät auf Sichtbares. Es gibt aber auch einzelne Erlebnisse, die beide Gefühle in sich vereinen. Wem Goethe ein Stück der eigenen Seele bedeutet, etwas, das ihm heilig ist, der wird, wenn er zum ersten Male das Sterbezimmer Goethes betritt, wenn er das einfache Bett, den schlichten Raum schaut, jenes Doppelte empfinden: Ehrfurcht! Hier weilte ein gottbegnadeter Geist, sprach und wirkte ein Wesen, in dem etwas von der göttlichen Offenbarung lebendig war, und gleichzeitig Pietät vor dem Sichtbaren den Gegenständen, die hier seit 100 Jahren unberührt stehen! — Hier bilden Ehrfurcht und Pietät eine Einheit. Ich möchte zum zweiten Teil meiner Betrachtungen über die Ehrfurcht übergehen, die etwas hineinführen werden in philosophische Probleme. Stellen wir uns die Frage: Ist Ehrfurcht etwas Naturhaftes, Angeborenes, wie Furcht, Vorsicht oder irgendeine Eigenschaft, die wir mit dem Tiere gemeinsam haben, etwas, das zutage tritt, ob wir wollen oder nicht? Goethe legte sich diese Frage in seinem Erziehungsroman „Wilhelm Meister" vor. Im ersten Kapitel des zweiten Buches der Wanderjahre äußert er sich folgendermaßen: „Der Natur ist Furcht wohl gemäß, Ehrfurcht aber nicht; man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges Wesen; der Starke 402