Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 401 (sequence 4)
- Language
- German
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Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums beobachten, denn ich bin der Ewige, Euer Gott." — Im Talmud steht einmal: „Vater und Mutter zu ehren, stellt die Schrift der Verehrung Gottes gleich. Die Ehrfurcht vor den Eltern vergleicht sie mit der Ehrfurcht vor Gott." Auch die Ehrfurcht vor dem, was um uns ist, wird im Judentum gefordert. Aus der Ehrfurcht vor Gott erwächst erst die Ehrfurcht vor dem Lehrer, dem Schüler, dem Genossen. Und welche Achtung genießt der Lehrer im Judentum! Er vermittelt den Geist, und aller Geist führt zu Gott. Es gibt ein köstliches Wort im Talmud. Rabbi Chamina sagt: „Vieles lernte ich; von meinen Lehrern, mehr von meinen Genossen, am meisten aber von meinen Schülern." Wer selbst einmal lehrend tatig war in irgendeiner geistigen Arbeitsgemeinschaft, wer selbst einmal das Spiel von Frage und Antwort, das sich gegenseitige Steigern des Lernens erfahren hat, der wird den tiefen Sinn des Wortes begriffen haben. Die Weisheit, die hinführt zu Gott, adelt ihren Träger und macht ihn ehr-fürchtig. Die Forderung der Ehrfurcht vor dem Geiste kann sich auch negativ ausdrücken: Du sollst Ehrfurcht haben vor dem, dem du Geist verdankst, ihn nicht verunglimpfen, nicht unehrerbietig gegen ihn handeln! Du sollst auch Ehrfurcht haben vor anders gesinnten Menschen und vor dem, was du in fremdem Lande aufgenommen hast. Es hat dich emporgeleitet, so schmähe es nicht! Wieder sei hier ein Wort aus der Weisheitslehre der Alten erwähnt, ein Volkssprichwort: „In einen Brunnen, aus dem Du Wasser getrunken hast, sollst Du keinen Stein werfen." Das Wort richtet sich gegen alle Renegaten. Ehrfurcht sei auch vor der Lehre, die ich verlassen habe, weil ich einst daraus an Geist und Seele etwas gewonnen habe. — Ehrfurcht ist verwandtmit Pietät, aber nicht das gleiche. Pietät könnte man abgeschwächte, abgeleitete Ehrfurcht nennen. Wie sich die Ehrfurcht vornehmlich auf Lebendiges und Gegenwärtiges richtet, so die Pietät vornehmlich auf Vergangenes, auf Totes, auf das, was den Kreis seines irdischen Lebens schon beschlossen hat. Man kann z. B. nicht von Pietät gegen Gott sprechen, denn die Pietät bleibt in der Ebene des Menschlichen. Ehrfurcht ist etwas unmittelbar Erschütterndes; Pietät etwas Wehmutsvolles. Etwas eigentlich schon Vergangenes soll dennoch bewahrt und erhalten bleiben. Pietät ist eine der stärksten Tugenden des Judentums, so stark, daß sogar Menschen, die nichts mehr vom Judentum wissen, ihm aus Pietät verbunden bleiben. Sie ist eine wundervolle jüdische Gemütshaltung, für die man viele Bei- 401