Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 400 (sequence 3)
- Language
- German
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Julius Goldstern dert: „Gleich wie wir ein Heiligtum mit Furcht ehren und doch nicht davor fliehen, sondern mehr hinzudringen." Dieses eigentümliche Doppelspiel muß man einmal selbst erfahren haben, um es ganz zu begreifen. Wenn man fragt: Was ist der Gegenstand der Ehrfurcht? so möchte ich negativ antworten: Es ist nichts Quantitatives, nichts Totes. Wir können nur Ehrfurcht haben vor Gott und vor allem, was Bezug hat auf Gott oder Göttliches, was unfaßbare Rätseltiefen ahnen läßt, hinter denen die Urgründe der Dinge liegen müssen. Wenn wir Ehrfurcht haben vor dem stillen Heldentum einer Mutter oder eines Menschen, der ausgerungen hat, so empfinden wir etwas von letztem, göttlichem Weltgeheimnis, das über sich selbst hinausweist in Tiefen, die wir Gott nennen. Wenn wir die sog. Weltformel kennen würden, wenn einmal die Phantasie eines Laplace alle Molekularbewegungen der Welt in mathematische Formeln auflösen könnte, wenn dies möglich wäre am Ende der Tage: Vor einer solchen mathematisch bis auf den letzten Grund erkannten Welt können wir keine Ehrfurcht haben. Johann Heinrich Jacoby, ein Freund Goethes, hat einmal das etwas paradox klingende Wort geprägt: „Ein erkannter Gott ist kein Gott." Menschen, die keinen Zusammenhang mit der Religion haben, instinktive Atheisten, sagen oft: Ich würde an Gott glauben, wenn ich ihn kennen würde. Ich möchte mit Jacoby sagen: Ich begreife Gott nicht, daher bin ich religiös; ein mir begreiflicher Gott wäre ein armseliges Wesen. Ehrfurcht kann es, wenigstens vor einem erkannten Gott, niemals geben. Denn Ehrfurcht ist in gewissem Sinne ein Sich-Beugen vor einem dem menschlichen weitüberlegenen Geist. Wie sich beim Horizont immer neue Unendlichkeiten auftun, so öffnen sich neue Welten, die uns ehrfürchtig erschauern lassen, wo immer wir wissenschaftliche Wahrheiten lüften. Es gibt ein hebräisches Wort für das, was wir auf Deutsch „Ehrfurcht" nennen: „jir'oh". Luther übersetzt das Wort mit Gottesfurcht. Jene Doppelheit ist in einer der ältesten Bibelauslegungen 5. Buch Mose, Kap. 6, V. 5, wiedergegeben: „Nur Gott gegenüber gibt es Liebe in der Furcht und Furcht in der Liebe." Diese Gottesfurcht ist eine Urtatsache, die wir mit dem Wort „Ehrfurcht" bezeichnen. Und wenn in der Bibel Ehrfurcht gefordert wird, ist, da die Bibel diese Dinge aus unmittelbarem Erleben erkennt — stets Bezug auf Gott genommen. Wo immer in der Bibel von Ehrfurcht die Rede ist, da wird gleichzeitig Gott genannt. Z. B. Levitikus 19, 3: „Jeder habe Ehi*- furchl vor seiner Mutter und seinem Vater, und meine Ruhetage sollt ihr 400