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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 399

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
Date
1929-10-01
Page
399 (sequence 2)
Language
German
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Julius Goldstein: Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums Und was tut Eliah, da er Gottes Nahen fühlt? Er verhüllt sein Haupt, vermag nicht hinzusehen. Hier wieder der Ausdruck der Zurückhaltung und Verhüllung. Denn das Göttliche kann man nicht unmittelbar schauen. Seelisches ist auch hier wiedergegeben durch körperliche Bewegung. Das Judentum hat so stark ausgeprägte Ehrfurcht vor Gott, daß es nicht wagt, seinen Namen auszusprechen. Statt seines Namens sagen wir „Adonai" oder gebrauchen einen anderen Ausdruck. Dies ist etwas spezifisch Jüdisches und in seinem Wesenskern zugleich etwas tief Religiöses. Mancher mag über diese Art der Ehrfurcht spotten. Sein Spott wiegt leicht, verglichen mit dem Zeugnis eines Mannes wie Goethe, der von Ehrfurcht mehr wußte und verstand als alle jene Spötter. Goethe sagt zu Eckermann am 3i. Dezember 1823 über den Mißbrauch des göttlichen Namens: „Die Leute traktieren ihn (den göttlichen Namen), als wäre das unbegreifliche, zwar nicht auszudenkende höchste Wesen nicht viel mehr als ihresgleichen. Sie würden sonst nicht sagen: Der Herrgott, der liebe Gott, der gute Gott. Wären sie aber durchdrungen von seiner Größe, sie würden verstummen, und ihn vor Verehrung nicht nennen mögen." Ich glaube nicht, daß Goethe an dieser Stelle gerade die jüdische Religiosität vor Augen hatte, aber aus tief religiösem Empfinden heraus hat er das begründet, was wir seit Jahrtausenden üben. Ich möchte einmal das Phänomen der Ehrfurcht psychologisch zergliedern. Eine seelische Innenschau ist nur dem möglich, den selbst einmal Ehrfurcht ergriffen hat. In dem Erlebnis der Ehrfurcht werden zwei entgegengesetzte Bewegungen zu einer Einheit verschmolzen. Die eine ist Bewunderung, Hingezogensein,' Verehrung vor der überwältigenden Größe, die andere Scheu, Furcht, ein Erschauern, Sichverhüllen. Es gibt ein englisches Wort — es läßt sich schwer übersetzen —, das diese eigentümliche numinose Scheu wiedergibt: das Wort „awe". Dieses Wort drückt Zurückhaltung und Scheu aus, Verehrung und Furcht zugleich. Das verehrende Element treibt hin zum Gegenstand der Ehrfurcht; das andere treibt uns zurück in Scheu. Aber gerade das bringt die merkwürdige Spannung in dem Erlebnis zustande, jene Paradoxie, die ihm gegeben ist. Die eine Bewegung zwingt uns, anzuschauen und bannt uns — die andere schließt jede Vertraulichkeit aus und drängt uns in achtunggebietende Ferne zurück. Luther hat einmal in dem „Sermon von den guten Werken" diese Ehrfurcht folgendermaßen geschil- 399

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