Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 398 (sequence 1)
- Language
- German
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Ehrfurcht, eine Grundforderung des Judentums1) Von Julius Goldstein Ich' möchte in diesen Ausführungen über die Ehrfurcht als Forderung des Judentums sprechen. Die Frage der Ehrfurcht führt nicht nur in abstrakte Gedanken, sondern in das Tiefste unseres und unserer Väter Glauben, zu jener seelischen Grundhaltung, ohne die wir Juden — und alle Menschen überhaupt — nicht existieren können. Die Ehrfurcht ist eine seelische Gegebenheit, eine Erfahrung unserer Seele. Wer in sein eigenes Lehen zurückblickt, wird bemerken, daß Augenblicke der Ehrfurcht selten sind. Wer einmal Ehrfurcht tief und rein erlebt hat, der wird jenen Augenblick niemals vergessen können. Er ist eine Offenbarung, die wie eine Gnade über uns kommt. Die Ehrfurcht ist etwas Seelisches; aber wie alles Seelische will sie sich körperlich ausdrücken. In ihren sichtbaren Äußerungen malt sie die Bibel. Die Bibel ist kein psychologisches Lehrbuch, sonst wäre sie längst veraltet. Sie ist auch kein philosophisches Buch. Sie macht in dichterisch-naiver Form, nicht in der psychologischen Sprache unserer Zeit, seelische Bewegungen der Menschen anschaulich, indem sie ihren körperlichen Ausdruck beschreibt. Mose schaut den brennenden Dornbusch, er geht heran und ihm wird gesagt: „Ziehe Deine Schuhe von Deinen Füßen, denn der Ort, auf dem Du stehest, ist heiliger Boden." In Ehrfurcht steht Mose vor dem brennenden Dornbusch, denn hier offenbart sich ihm Gott. Die äußere Haltung der Ehrfurcht ist durch Ausziehen der Schuhe gewahrt. x) Es war dem Verfasser nicht mehr vergönnt, die aus einem Vortrag herausgewachsenen Ausführungen bis ins letzte zu vollenden. 39S