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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 396

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Rembrandt und Spinoza
Date
1929-10-01
Page
396 (sequence 4)
Language
German
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Julius Bab lernt. Wenn er bei dem Zusammensturz seines äußeren Vermögens alles verliert, so hat das nur die Folge, daß seine Kunst sich ohne allen Zierrat nunmehr auf Menschengesichter beschränken muß und so immer mehr nach innen dringt. Von dem Rembrandt auf der Höhe beriohtet ein Schüler: „Der mächtigste Fürst von der Welt konnte Eintritt begehren; er hätte ihn nicht bekommen ehe Rembrandt fertig war". Und als Rembrandt mit 63 Jahren, von denen beinahe jede Stunde mit Malerei ausgefüllt war, von allen verlassen stirbt, und ein Armengrab erhält, da verzeichnet die Sterbeurkunde als seinen Besitz „seine Kleider, 8 Taschentücher, 10 Mützen, eine Bibel und das Malgerät." Spinoza, der wiederholt ehrenvolle und vorteilhafte Berufungen abgelehnt hat, um unter den allerbescheidensten Bedingungen ganz und gar seiner Sache leben zu können, schreibt: „Ich genieße und verbringe mein Leben nicht in Trauern und Seufzen, sondern in Ruhe, Freude und Heiterkeit und steige so stufenweise empor. Ich erkenne dabei — und das gibt mir die größte Genugtuung und Gemütsruhe, daß alles durch die Macht des höchst vollkommenen Lebens und nach seinen unabänderlichen Entschlüssen so geschieht." Was der Philosoph amor fati genannt hat, das hat niemand vollkommener gelebt als Rembrandt: die grenzenlose, die völlig hemmungslose Hingabe an den einen Beruf. Aber in dem andersartigen Stile seines Geistes hat Spinoza die gleiche Vollkommenheit eines wahrhaft berufenen Menschen mit seinem Leben dargetan; und zu jeder Zeit ist es wohl diese hohe Würde seines persönlichen Daseins gewesen, die mindestens in gleicher Stärke wie seine begrifflich geformte Philosophie auf die Menschen gewirkt hat. Von gleicher Zeit hervorgebracht, vom Leben derselben Stadt genährt, erwachsen hier aus verschiedenem geistesgeschichtlichem Hintergrund zwei Menschen: der eine, Rembrandt, aus holländisch-protestantischer, — der andere, Spinoza, aus seiner spezifischjüdischen Umgebung heraus zu gleicher Würde und Reinheit des Lebens und des Werks. In dem Streben nach Vollendung ihres Wesens gibt es keinen Unterschied der Art oder des Ranges. Es scheint nicht, daß vollkommenes Menschentum Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse als Voraussetzung hat. Aber umgekehrt scheint es, daß die Erfüllung eines Menschheitsberufes zwar von einer bestimmten Herkunft aufgegeben wird; gewiß nicht zufällig wurde das sehende Auge Werkzeug des Deutschen und das denkende Hirn das Material des Juden. Doch dann führt der Weg zur Vollendung beide Male aus der Begrenzung der eigenen Art 396

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