Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 395

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Rembrandt und Spinoza
Date
1929-10-01
Page
395 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900023--03847-2900132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rembrandt und Spinoza gingen, festgehalten. Einer war unter ihnen, den Rembrandt ganz gewiß gesehen und sehr wahrscheinlich auch gezeichnet hat. (Wenn die Identifikation des Porträts unter den Bildern all dieser jungen Juden auch nie gelingen wird.) Einer, der 26 Jahre nach Rembrandt geboren, doch noch 37 Jahre mit ihm zugleich leben und sicherlich mit ihm der berühmteste Amsterdamer des Zeitalters werden sollte! — Die Familie d'Espinoza war im Anfang des Jahrhunderts aus Portugal herübergekommen. Am 24. November i632 wurde dem Michael d'Espinoza ein Sohn Baruch geboren. Als Benedikt Spinoza ist er einer der mächtigsten Beweger des Menschengeschlechts geworden. Aber seltsam, in demselben Maße und fast in derselben Zeit, in der der große deutsche Maler sich immer tiefer in das Leben der Amsterdamer Judenschaft vergräbt, trennt der junge jüdische Philosoph sich von der Synagoge, mit der er zerfällt, von der Familie, deren Erbteil er ausschlägt, von der Amsterdamer Judenschaft, die ihn verstößt. Sein privater Umgang bleiben ein paar schlichte niederländische Handwerksleu'te, bei denen er wohnt; sein geistiger ein paar Gelehrte von Rang und internationaler Herkunft, mit denen er im Briefwechsel steht. Und so, während er sich vom Schleifen optischer Gläser ernährt, schafft dieser Jude sein Menschheitswerk. Man hat bekanntlich gesagt „Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun". Ich habe das immer für einen sehr sohlechten chauvinistischen Satz gehalten. Aber Menschsein — in irgendeinem höheren und wesenhaften Sinne des Wortes Mensch sein — heißt allerdings, unter Verzicht auf alle Eitelkeit in einer Sache, für eine Sache leben können. Und bei einem Künstler gibt es kein so großartiges, so bis zum Grausigen vollkommenes Beispiel für die reine Besessenheit von einer Sache als Rembrandt. Er ist noch nicht 18 Jahre, aber schon einigermaßen berühmt, als ein gelehrter Kunstfreund ihn aufsucht, wie er mit seinem Freunde Dou in einem Raum der väterlichen Mühle sitzt und malt, und dieser Zeuge berichtet: „Während sie sich ihre Zeit recht zunutze machen, ist das allein ihr Ziel. Sogar die unschuldigen Vergnügungen der jungen Leute haben so wenig Reiz für sie, als wären sie zwei vom Leben gesättigte Greise". Auf der Hohe seines Erfolges schreibt Rembrandt, der nicht einmal in der Malergilde eine Stellung eingenommen und erstrebt hat, in ein Stammbuch: „Ein fromm Blut tracht Ehr statt Gut". Und ob es nun Gesicht und Gestalt der geliebten Frau ist, ob Juwelen, kostbare Teppiche, Waffen und wertvolle Bilder — er sucht und hält alles nur, weil man es malen kann oder allenfalls davon das Malen 395

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.