Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Rembrandt und Spinoza
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bai) eine berühmte Schule, den „Baum des Lebens", die große Gelehrte zu ihren Lehrern zählt. — Keine hundert Schritt von dieser großen Synagoge steht am Eingang des Judenviertels ein merkwürdiges Haus mit einer stolzen Idaren Renaissance-Fassade; dort wohnt seit dem Jahre i634 Rembrandt, der Maler. In den kämpfenden Niederlanden ist mit dem Erfolg ihrer Seeleute, dem Reichtum der Kaufherrn, der Rührigkeit der Handwerkergilden, dem Stolz der Gelehrten auch eine große bürgerliche Malerei aufgeblüht. Sie gipfelt in diesem Müllers söhn aus Leyden, Rembrandt van Rhyn. Nach seinen ersten Erfolgen als Modemaler der Amsterdamer Gesellschaft heiratete er eine reiche Erbin, Saskia von Ulenburgh, und damals auf der Höhe seines äußeren Glanzes kaufte er sich dieses schöne Haus, seltsamerweise im Judenviertel. Als Saskia gestorben und das Vermögen in Verfall geraten jst, wohnt Rembrandt noch immer dort, und als er schließlich durch Exekution vertrieben wird, als ihm alles zusammenbricht, wohnt er weiter in Dachstuben und Gasthöfen am Rande der Judenstadt und malt! Malt in demselben Maße wie sich die Gesellschaft mit ihren Porträt- und sonstigen Aufträgen von ihm zurückzieht, immer ausschließlicher Juden! Die Juden, die nach orthodoxem Glauben gar kein Porträt von sich selbst oder von den Ihrigen aufhängen dürfen. Aber er malt sie, weil er ihre Gesichter braucht, weil er in ihnen den Ausdruck findet, der immer neu durchgearbeitet, immer reiner verdichtet in seine großen biblischen Kompositionen übergeht, diese letzten höchsten Offenbarungen der Rembrandtschen Kunst. Saul und David auf dem berühmten Bilde im Haag: ein müder, vom Leben mitgenommener alter Mann und ein kleiner, feiner,, listig schlauer Judenknabe aus dem Amsterdamer Ghetto! Und der Christus auf dem erschütternden Emmaus-Bild im Louvre ist sichtbar Schritt für Schritt hervorgegangen aus zahlreichen Studien, die als „Kopf eines jungen Juden",. „Bildnis eines Rabbiners" bekannt sind. — In allen großen Galerien der Welt hängen (neben einigen wenigen, auch! mit Namen zu belegenden jüdischen Porträts) diese Studien, die jüdische Männer, Knaben, Greise darstellen. Dieser deutscheste Maler, dem außer dem Volksgenossen doch! noch das mannigfache Menschenmaterial einer großen Handelsstadt zu Gebote stand, braucht das jüdische Gesicht. Rembrandt hat auch etliche der berühmten Lehrer von der Schule „Baum des Lebens" gemalt und sicherlich hat sein Stift auch so manchen von den Schülern, die alltäglich an seinem Hause vorbei in die schwarze Synagoge 394