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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 391

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gott sehen
Date
1929-10-01
Page
391 (sequence 6)
Language
German
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Gott sehen Besonders oft hören wir von dem Glanz der Schechina und ihres Antlitzes. Wer an einem Mahle teilnimmt, bei dem ein Gelehrter zugegen ist, der sättigt sich von dem Glanz der Schechina. Der Forscher, der sich trotz Not und Entbehrung dem Studium widmet, wird gesättigt vom Glanz der Schechina. Mose aß und trank nicht, solange er auf dem Berge weilte — er ersättigte sich an dem Glänze des göttlichen Angesichtes. In der zukünftigen Welt, da ist kein Essen und Trinken, kein Freien und Handeln, kein Neid, kein Haß, kein Streit,, sondern die Frommen sitzen mit ihren Kronen auf den Häuptern und genießen den Gottesglanz. Von dem ägyptischen, wahrscheinlich kurz vor Mose lebenden, König Echnaton ist uns ein schwungvoller Hymnus auf die Sonne, die er zur alleinigen Gottheit erheben wollte, aufbewahrt. Ist sie es ja doch auch, die alles Leben auf der Erde erweckt und erhält. Es war die große Tat des religiösen Genius Israels — die Legende schreibt sie Abraham zu —, erkannt zu haben, daß auch dieser gewaltigste Himmelskörper nur das Werk eines Schöpf ers ist, nach dem Menschen das erhabenste, nur der Diener eines Herrn, wenn auch der größte. Das ist auch der wahre Grund, warum in der Schöpfungsgeschichte zwar das Licht schon am ersten Tage geschaffen, aber die Sonne erst am vierten, nach der Erschaffung der Pflanzen, an den Himmel gesetzt wird, was man nie verstehen konnte. Es ist ein bewußter Protest gegen ihre Vergöttlichung. Die Sonne soll nur ein Diener sein, den Lebewesen zu leuchten, die unmittelbar darauf erscheinen. Das Neuhebräische hat dies in ebenso energischer wie sinniger Weise dadurch zum Ausdruck gebracht, daß es (es gibt keine andere Erklärung) von dem Worte Sonne (Schemesch) das Wort für „persönlich bedienen" abgeleitet hat (schimmesch, davon Schammosch, vulgär ausgesprochen „Schammes"). Bedienen ist „besonnen". Das Sehen der Sonne ist nun zum Gleichnis für Gott geworden. Was die Sonne für das leibliche Auge, das ist Gott für unser zweites Gesicht, für das Auge des Geistes und der Seele. Gott sehen heißt, sich von ihm bescheinen und beglänzen lassen, in seinem Lichte wandeln und atmen. „Denn bei Dir ist der Quell des Lebens, in Deinem Lichte sehen wir Licht." Freilich ist Vergleichen nie Gleichheit. Die Sonne sieht man ohne Bemühung, und es ist nur ein physisches Wohlbehagen; Gott muß man sehen wollen, und, wenn er sich zeigt, das Auge der Seele offen halten. Danach hat nicht nur die Mystik, deren wesentliches Thema es ist, getrachtet, sondern es ist stets das 391 27*

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