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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 390

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gott sehen
Date
1929-10-01
Page
390 (sequence 5)
Language
German
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B. Jacob Leuchtendes sieht, wird von ihm beschienen und leuchtet selber, wer Licht sieht, wird Licht, aller Abglanz wird Glanz. Der Quell alles Lichtes und aller Sichtbarkeit aber ist die Sonne. In diesem Sinne kann ein Rechtssatz des Talmud lauten: Wenn jemand in gehobener Sprache (bei einem Gelübde) sagt: „die die Sonne sehen", so hat er auch die Blinden gemeint, denn er meinte alle, die die Sonne sieht. Umgekehrt bringe ich ein Nichtsehen zustande, indem ich entweder meine Augen bedecke oder den Gegenstand. Daher kann in Einem Atem gesagt werden: Die Heuschrecken bedecken das Auge der Erde, so daß man die Erde nicht sehen kann. „Angesicht" (Panim) ferner heißt die mir zugewandte Seite einer Sache, die Beziehung, die ich zu ihr empfinde oder wünsche, meine „Hinwendung". Es ist also eine subjektive Ausdrucksweise, indem ich von mir ausgehe. So hat der Himmel, die Erde, das Wasser, die Wüste, die Stadt, das Haus, kurz alles was ich anschaue, ein Angesicht, wenn und weil ich es anschaue. Ich sehe sein Angesicht ich lasse mich von ihm anblicken, ich trete in seinen Lichtbereich, in seine Atmosphäre, unter seinen Einfluß. Man sagt z. B. für ins Freie treten: das Angesicht der Straße sehen; der Zehnte wird ins Haus gebracht: er bekommt das Angesicht, das Jnnere des Hauses zu sehen. „Sehen" endlich ist die nächste Wahrnehmung und kann dann auf jede Art von Wahrnehmung übertragen werden, während unser deutsches „Fühlen" und „Begreifen" von einem andern Sinne ausgeht. Ein Beispiel wird genügen: Der Hebräer sagt auch: keinen Schlaf sehen. Der eigene Schlaf wäre doch wohl das Letzte, das man „sehen" könnte. Das nachbiblische Judentum hat nicht den geringsten Anstoß genommen, vom Gesehenwerden Gottes zu sprechen. Die Wallfahrt heißt noch unverhüllter als in der Thora selbst das „Sehen", das Opfer, das „Sehensopfer". Zumeist aber wird ein neugebildeter Ausdruck gebraucht: für „Gott" die Gegenwart, das Verweilen (Schechina), und für sehen: das Angesicht Gottes sich gegenüber sein lassen, was dann allgemein den Sinn erhält: aufsuchen, besuchen, begrüßen, empfangen, bewillkommnen, aufnehmen. Sehr oft wird die sichtliche Begrüßung Gottes, wie man sie bei der Wallfahrt erlebte, zu Vergleichen benutzt: wer seinen Lehrer besucht, wer einen Greis oder einen Gelehrten begrüßt, wer jemanden als Gast aufnimmt, wer ein frommes Werk übt, z. B. einem Armen etwas reicht, der begrüßt die Schechina, steht vor ihrem Angesicht. Von einem Lehrer wird erzählt: Wenn er seine Mutter kommen hörte,, pflegte er zu sagen: ich muß vor der Schechina aufstehen. 390

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