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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gott sehen
Date
1929-10-01
Page
392 (sequence 7)
Language
German
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B.Jacob: Gott sehen letzte Ziel jeder höheren Religion, ja, jedes über das Irdische hinausstrebendeni Menschen gewesen. Nur ist im Judentum das Wesentliche immer die Wendung zum sittlichen Handeln gewesen: man sieht Gott, wenn man sich sagt, daß Gott sieht. Daß der Mensch diesen Ausdruck bilden konnte, ist ein Kennzeichen seiner Gott-Ebenbildlichkeit. Menschen sind Wesen „die die Sonne sehen". Und war nicht das Auge sonnenhaft, wie könnt es sonst die Sonne sehn, die Sonne Gott? Wir glauben sogar Grund zu der Annahme zu haben, daß auch „die Sonne sehen" im Heidentum eine religiöse Färbung hatte, daher es in der Bibel anfangs gemieden zu sein scheint und vor dem weit häufigeren „das Licht sehen" zurücktritt. Wenn es in der Bergpredigt heißt: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen", so ist dies zwar nichts anderes als ein Psalmwort: „Die Redlichen werden SEIN Angesicht schauen." Überblicken wir aber alle biblischen Aussagen, so gibt es mehr als einen Weg, Gottes inne zu werden: du siehst ihn in gewaltigen persönlichen und allgemeinen Erschütterungen — so hat Israel Gott erfahren, als es gerettet am anderen Ufer des Meeres stand: „Da sahen sie SEINE große Hand und sie fürchteten IHN und glaubten an IHN und seinen Diener Mose." Oder hast du ihn nicht schon hienieden gesehen, forschend nach Wahrheit, erglühend für das Recht, in Erfüllung deiner Pflichten, in Gebet, Andacht und Gottesdienst, angesichts erhebender Taten, Lehren und Menschen, die dein Auge leuchten und strahlen machten, in jedem Aufschwung der Seele, in jedem Werke der Frömmigkeit und Menschenliebe? Freilich nur erst wie in einem „angelaufenen Spiegel". Dieses Fleisches ledig und abgeschieden schaust du IHN. Hast du in Tugend SEIN Angesicht geschaut, so wirst du erwachend von dem Traum dieses Lebens in SEIN ewiges Liebesauge sehen und als ein Gekrönter dich ersättigen am unaussprechlichen Gottesglanz. „0 tu mir kund den Weg des Lebens, danach der Freuden Sättigung in Deinem Angesichte ist, alle Holdseligkeit in deiner Rechten für die Ewigkeit." 392

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