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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 389

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gott sehen
Date
1929-10-01
Page
389 (sequence 4)
Language
German
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Gott sehen Sachen noch nicht gegeben worden. Erstens will man, um dem Alten Testament höchstens einen zweiten Rang zuerkennen zu dürfen, nicht davon ablassen], ihm wenigstens für seine Anfänge niedrige und massive Vorstellungen, die niemals gänzlich überwunden worden seien, zuzuschreiben. Geht man aber ohne diese Tendenz heran, und mit Verzicht auf eine hochtrabende wissenschaftliche Nomenklatur, so findet man, daß diese Menschen ebenso lebenswahr beobachtet wie tief und rein empfunden und sich, ohne auf ein System auszugehen, natürlich und treffend ausgedrückt haben. Sodann hat man in Überschätzung oder zu ausschließlicher Berücksichtigung der verwandten Sprachen, früher des Arabischen, jetzt des Babylonischen, ein näherliegendes und ungemein fruchtbares sprachliches Hilfsmittel vernachlässigt: das sog. Neuhebräisch. Das Hebräische hat zwar mit der Wegführung Israels von seinem Boden aufgehört, eine lebende Sprache zu sein, insofern es nicht mehr von einem lebendigen Volke gesprochen und verstanden wurde. Aber die gelehrte Schulsprache, die sich auf ihm aufbaute, hat viel altes Sprach- und Vorstellungsgut bewahrt, das, mit der nötigen Vorsicht gehoben, für die Erklärung der Bibel mit ihrem kärglichen Sprachschatz sehr förderlich sein kann. Denn dieses nachbiblische Judentum stand mit dem biblischen in einem niemals abgerissenen geschichtlichen Zusammenhang, wie denn seine Träger desselben Stammes waren. Man darf nicht hoffen, das Alte Testament ohne Talmud und Midrasch verstehen zu können. Nun ist ein gehobener Ausdruck für „Menschen": „die die Sonne sehen". In der Bibel findet er sich nur ein- oder zweimal im Prediger Salomos, aber im Nachbiblischen ist er nicht so selten. Er bedeutet natürlich nicht: in die Sonne hineinsehen, denn das kann man nicht ohne die Gefahr, zu erblinden, sondern das von der . Sonne ausgehende Licht sehen, darin wandeln und leben. Das meint derselbe Prediger: „Süß ist das Licht, und schön ist es für die Augen, die Sonne zu sehen." Alles, was dem Lichte zugewandt ist, „sieht die Sonne". So wird einmal im talmudischen Verkaufsrechte definiert: „Was ist von einem Baume Stamm, was Wurzel? — Was das Angesicht der Sonne sieht, das ist vom Stamme, was das Angesicht der Sonne nicht sieht, ist von" den Wurzeln." Ein andermal werden die äußersten Zweige diejenigen genannt, die die Sonne sehen, die inneren diejenigen, die die Sonne nicht sehen. Unter allen Sinneswahrnehmungen ist nämlich nur das Sehen ein Gegenseitigkeitsbegriff. Alles was ich sehe, kann auch mich sehen. Sehen ist die gerade Linie des Lichtes von dem Gesehenen zum Sehenden. Wer etwas 27 389

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