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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 388

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gott sehen
Date
1929-10-01
Page
388 (sequence 3)
Language
German
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B.Jacob im großen Ganzen sein wird, darf man doch weiter fragen, aus welchen Anlässen oder nach welchen Regeln sich die Übertragung von Leiblichem auf Geistiges, von Menschlichem auf Göttliches vollziehe, und welches ihre Grenzen seien. Daß es für den Sprachgebrauch solche gibt, sei an einigen Beispielen gezeigt. Beim Schwören hebt man die Hand hoch: „Ich hebe meine Hand hinauf zum höchsten Gotte", sagt Abraham. Aber von Gott kann, so oft auch von seiner Hand und von seinem Schwur die Rede ist, doch dieses Zeitwort nicht gebraucht werden, sondern es muß ein anderes eintreten, das keine körperliche Vorstellung bedingt. Oder: Es wird sehr oft von Gottes Auge gesprochen, ebenso daß er etwas sieht, aber es heißt niemals: er sah mit seinen Augen, oder: es ist etwas gegenüber seinen Augen; und so vieles mehr. Bis in alle Feinheiten der Sprache laßt sich nachweisen, daß man sich Gott niemals im Ernst als einen Körper, den man sehen könne, vorgestellt hat. Nach den herrschenden Methoden hat man versucht, unsere sprachliche Erscheinung religionsgeschichtlich und religionsvergleichend zu erklären. Es habe vor oder neben der rein geistigen Auffassung von Gott eine körperliche gegeben, und man habe, ebenso wie im Heidentum, auch in Israel geglaubt, sich ein Bild von ihm machen zu können und hat es gemacht; dies Bild stand im Heiligtum, und hinaufziehen, um Gott zu sehen, hieß ursprünglich: um das ihn darstellende Bild zu sehen. Mit der fortschreitenden Vergeistigung befreite man sich von dieser materiellen Vorstellung, aber der sprachliche Ausdruck verblieb, nur daß man ihn jetzt umdeutete oder umbog. So habe es eigentlich geheißen: Dreimal im Jahre soll alles Männliche das Angesicht Gottes sehen, aber durch eine leichte Änderung der Aussprache habe man daraus gemacht: soll es sich vor dem Angesicht Gottes sehen lassen. Das wird, von allem andern abgesehen, schon dadurch unglaubhaft, daß man ja doch die andern Stellen unverändert ließ. Die ,,reli^onsgescMchÜiche" Erklärung aber ist eine Konstruktion, eine Zurechtlegung aber keine Beweisführung. Man führt ferner die Analogie anderer semitischer Völker an. Der Ausdruck sei von dem König auf Gott übertragen worden. Den König sehen zu dürfen, sei eine besondere Gnade gewesen, und die höchsten Hofbeamten hießen: „die das Angesicht des Königs sehen dürfen". Nun ist Gott als König in der Tat eine sehr häufige Vergleichung. Aber Gott ist älter als das Königtum, und der Ausdruck ist unverkennbar urtümlich. Die Erklärung, die wir vorlegen wollen und die man als überraschend einfach und befriedigend anerkennen wird, ist wohl hauptsächlich aus zwei Ur- 388

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