Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Gott sehen
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 387 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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B.Jacob: Gott sehen Sogar von dem ganzen Volke wird gesagt: „Von Angesicht zu Angesicht redete ER mit euch." Für die Offenbarungen Gottes ist der gewöhnliche Ausdruck: Er ward gesehen, er ließ sich sehen. Beten heißt: Gottes Angesicht suchen, es begütigen mögen, vor ihm stehen, es zu schauen trachten, es sehen oder von und vor ihm gesehen werden. Der formelle Ausdruck für die Wallfahrt ist: Dreimal im Jahre soll alles Männliche sich vor SEINEM Angesichte sehen lassen. Der dem Heiligtume ferne Psalmist betet: „Es dürstet meine Seele nach Gott, der lebendigen Gottheit, wann werde ich kommen, mich vor dem Angesichte Gottes sehen zu lassen?" Gott sehen ist das größte und abschließend beseligende Erlebnis: „Ich aber weiß, daß mein Erlöser lebt____ und nach meinem Fleische werde ich GOTT schauen, ja, erschauen werde ich ihn mir, meine Augen werden ihn gesehen haben und kein Fremder!" Und als ER ihm im Wetter geantwortet hat, bekennt derselbe Hiob: „Nur vom Hörensagen hatte ich von Dir gehört, jetzt aber hat mein Auge Dich gesehen." Der Psalmist endlich frohlockt: „Ich, in Frömmigkeit schaue ich Dein Angesicht, ersättige mich im Erwachen an Deiner Gestalt." — Auf der anderen Seite wird als eine, der elementarsten Lehren verkündet und mit dem stärksten Nachdruck eingeschärft, daß der Eine wahre Gott keine Gestalt hat, kein vom Räume begrenzter Körper ist, also auch nicht gesehen und mit Sinnen wahrgenommen werden kann. „So hütet euch denn um eurer Seelen willen, denn ihr habt keinerlei Gestalt gesehen am Tage, da ER mit euch am Horeb mitten aus dem Feuer redete." So lautet denn auch gleich das zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis und keine Gestalt machen!" Daher war es ein Hauptbestreben der jüdischen Religionsphilosophie, alle Verleiblichung von Gott durchaus fernzuhalten und jede biblische Aussage, die zu widersprechen schien, anders zu deuten. Das Werk des Maimonides beginnt mit einer solchen Erklärung des Wortes „Ebenbild", und auf der ersten Seite des täglichen jüdischen Gebetbuches steht das Lied, das seine dreizehn Glaubensartikel zusammenfaßt, darunter bald: „ER hat keine Ähnlichkeit mit einem Körper und ist kein Körper." Wie ist nun aber dies mit den zahlreichen so bestimmt lautenden Beispielen für „Gott sehen" zu vereinigen? Die Forschbegier laßt sich nicht an der Antwort genügen, daß solche Ausdrücke, von Gott ausgesagt, bildlich zu verstehen seien, denn so richtig dies 387