Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 383 (sequence 9)
- Language
- German
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Die messianifc&e Idee als Friedensidee Die reine Weisung an die Zukunft bedeutet: Was immer war — nichts ist noch geschehen, alles bleibt zu tun; alles muß getan werden. Daß die Zeit des Judentums die Zukunft und daß sein höchster Wert die Tat ist — das ist eines und dasselbe. So wäre die Tat das, was die reine Schrift unseres Ursprungs durch die verwirrte der Geschichte hindurch wieder zum Aufleuchten zu bringen vermöchte, wäre sie das, was die übermächtigen Visionen der Vorzeit lebendig mit der flüchtigen verfallenen und abgefallenen Existenz des einzelnen, auch des heutigen Menschen zu verbinden vermöchte? Durch sie — und nur durch sie — würde die überschwängliche messianische Hoffnung zur Hoffnung auf das Heil jedes einzelnen geschichtlichen Menschen? Läge hier das Band zwischen der einzelnen Existenz und den menschheitgestaltenden Visionen der Propheten? Aber muß nicht auch die Tat — und gerade sie — uns ein bloßes Wort bleiben bei der unermeßlichen Ferne und Übergröße der prophetischen Visionen von der menschlichen Zukunft? Liegt nicht gerade hier das schwerste Problem? Können wir sie denn auch nur fassen, diese Visionen von der Einen geeinten Menschheit, von den Schwertern, die zu Pflugscharen, von den Speeren, die zu Sicheln umgeschmiedet werden — von dem Wolf, der friedlich neben dem Lamm weidet, von dem Löwen, der Stroh ißt wie ein Rind, und von dem kleinen Knaben, der sie beide führt? Wie unermeßlich, überschwänglich fern klingt uns diese Verheißung: Friede in der kriegerischen, bluttriefenden Menschenwelt — Friede in der grausam entzweiten Natur selbst: Friede, Liebe, Erlösung überall. Es sind Visionen, so fremd und unbegreiflich unserer Welt und ihrer Wirklichkeit, daß jede Brücke fehlt. Es sind Visionen, so nah dem schlagenden, lebendigen Herzen, daß, wenn wir sie neu, zum erstenmal hören könnten, sich jedes Auge mit Tränen füllen müßte. So nah also sind sie uns, diese unermeßlich fernen Bilder? So schlagen sie an die verschlossenen Tore unseres Lebens selbst? Unser innerstes Leben schlägt mit ihnen gleichen Schlag? Wir fänden sie — diese übermenschlich großen fernen Träume in uns selbst, in unseren Herzen wieder? Der finstere Abgrund unseres Seins, auf den sie aus dem Oberlicht mit der ganzen Gewalt ' des Unvollziehbaren auftreffen, wäre selbst das Reich ihrer Geburt und Erfüllung? Die tausendfältig bis zur Unkenntlichkeit überschriebene unterste Schrift des Palimpsests der Geschichte: die messianische Botschaft vom 383