Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 382 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Hoffnung, schließt uns so dennoch wieder an sie an. Uns aber bleibt demgegenüber innner noch die Frage: Wie kann das Wissen um dies tausendfach Verdeckte und Verhüllte für uns wieder Leben werden? Wie können wir die bis zur Unleserlichteit überschriebene und verwischte Urschrift der messianischen Hoffnung wieder erreichen? wie jeder einzelne lebendige Mensch eine unmittelbare Beziehung zu ihr gewinnen? Sollen wir die ganze vemirrte, tausendfaltig verschlungene Schrift der Geschichte auszulöschen streben, um zu der Schrift des Ursprungs wieder durchzudringen? Das hieße wiederum an der geschichtlichen Wahrheit — und das ist an uns selbst, an unserer eigenen Wahrheit vorbeigehen. Es hieße uns selbst ignorieren als die, die wir sind, die wir geworden sind: die Denker unserer Gedanken, die Täter unserer Taten. Die messianische Hoffnung aber fordert uns nicht als abstrakte Wesen, sie fordert uns selbst: die wirklichen realen, geschichtlichen Menschen. Vermöchten wir nicht uns selbst, unser Jetzt und Hier in die Hoffnung hineinzuführen, sie wäre nicht unsere Hoffnung. Und damit wäre sie das reine Nichts. Denn es gibt keine andere Hoffnung als die unsere. Nur aus dem vollen Aufsichnehmen der Gegenwart kommt darum die echte Entscheidung für die Zukunft. Und die Geschichte selbst ist Bürge unserer Hoffnung. Denn Geschichte ist ja nicht nur das Geschehene, sondern auch das Kommende. Die Geschichte zeigt uns nirgends Verwirklichung, aber sie weist uns überall auf das hin, was verwirklicht werden soll und um dessentwillen sie ist. Die verdeckende Schrift selbst deutet überall hin auf die verdeckte Urschrift, die so gesehen nicht Vergangenheit, sondern selbst reine Zukunft ist. In dem Wort des Jesaja: „Gedenket nicht an das Alte und achtet nicht auf das Vorige", ist die reine Forderung an den jüdischen Menschen gegenüber der Geschichte ausgesprochen: die Entscheidung gegen das Tote, die Entscheidung für das Lebendige. Es bedeutet nicht, daß wir das Geschehene nicht sehen und nicht darum wissen sollen; wir sollen es wissen und sehen; denn wir sollen uns und unsere Aufgaben daraus kennen lernen; aber wir sollen nicht daran gedenken, nicht daran haften bleiben mit unserem Leben. Unser Wissen mag — ja, es muß der Vergangenheit gehören: unser Leben, unsere Gegenwart, unsere Entscheidung gehört allein der Zukunft. In der aufrufenden Weisung an die Zukunft liegt das ganze gewaltige Ethos des Judentums; in ihr wird der Mensch aufgerufen zu sich selbst — nicht zu dem, was er geworden ist, sondern zu dem, was er sein kann, was er sein soll. 382