Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 384 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Friedensreich, vom Gottesreich, wäre keine andere als die tausendfältig überschriebene unterste Schrift unseres Herzens? Das ist das Wunder, das die Prophetie bestätigt. Denn die Taten, die die prophetische Verheißung zu ihrer Erfüllung von den Menschen verlangt, sind nicht heroische Kämpfe und machtvolle schöpferische Umgestaltungen der Welt. Sondern wunderbar: den überschwänglichen Visionen vom Weltfrieden entspricht als Forderung an den einzelnen Menschen das Allerschlichteste: die Forderung der Gerechtigkeit, der schlichten menschlichen Güte. So spricht der Herr: „Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand und schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen und tut niemandem Gewalt und vergießt nicht unschuldiges Blut." Diese einfachen, unscheinbaren, fast selbstverständlichen Forderungen: Forderungen an die reine Menschlichkeit des Einzelnen sind es, die im Zusammenhang mit den gewaltigen prophetischen Visionen von der Endzeit immer wiederkehren. Nichts anderes wird zu ihrer Verwirklichung vom Menschen verlangt und immer wieder verlangt als Gerechtigkeit, einfache menschliche Güte. Wie nach dem Psalmwort „Gerechtigkeit und Friede sich küssen", so fügt sich die geringste Tat der Gerechtigkeit wunderbar in den mächtigen Zusammenhang des Weltfriedens, der Menschheitserlösung ein. Und alle Drohungen göttlicher Strafgerichte, grausamster Verwüstungen und Zerstörungen gelten allein dem Unterlassen der Erfüllung dieser allerschlichtesten Forderungen an den Einzelnen gegenüber dem Einzelnen. Der Weg zum Leben und zum Tode, den Gott seinem Volke durch den Propheten vorlegt, ist kein anderer als dieser: Entscheidung für oder gegen den Frieden, zu dem der einzige Weg die schlichte menschliche Gerechtigkeit ist. — Die Entscheidung für das Leben, die Entscheidung für die Hoffnung, die Entscheidung für den Frieden und für die Gerechtigkeit sind eins. Nicht um eine einzelne Entscheidung handelt es sich hier — sondern um ein Entschiedensein des gesamten Lebens, das allen einzelnen Entscheidungen und Handlungen vorausliegt. Und wenn nun wieder aus einer verworrenen Zeit, in der nichts mehr feststeht, in der alles Gesetz und aller Wert aufgelöst ist, die Frage herauftaucht: Wie aber können wir uns für die Gerechtigkeit entscheiden, da wir nicht einmal wissen, was Gut und Böse, was Recht und Unrecht ist? — so ist nun die Antwort: Diese Entscheidung setzt kein Wissen um bestimmte Werte, setzt kein Erkennen objektiver Zusammenhänge und keine bestimmte Struktur des Geistes voraus. Denn es handelt sich bei ihr 384