Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 381 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die messianische Idee als Friedensidee Und es gibt eine eigentümliche Bürgschaft für ihr Bezogensein auf uns in der abendländischen Geschichtsentwicklung selbst. Uns ist mitten in unserer Auflösung, in unserer radikalen Entfremdung von aller religiösen Wirklichkeit aus der abendländischen Wissenschaft selbst ein eigentümliches und wunderbares Geschenk in den Schoß gefallen, das die ganze Macht religiöser Wirklichkeit in aller geschichtlichen und gegenüber aller nur geschichtlichen offenbart. Unserer religionslosen Zeit — nicht zum wenigsten Max Weber selbst — war es vorbehalten zu erkennen, daß alle Wahrheiten, alle Formen und Organisationen unseres europäischen Lebens Umwandlungen, Verweltlichungen, Säkularisierungen ursprünglich religiöser Wahrheiten sind. Wir haben sehen gelernt, wie schließlich alle Wissens- und Lebensformen der modernen Welt, wie sogar noch der Kapitalismus, und dann wieder der atheistischste Sozialismus ihrer selbst unbewußt abgeleitet, umgeschlagen sind aus der christlichen Idee des Gottesreiches — dieser Idee, die selbst wiederum ihre letzte Wurzel hat in der messianischen Idee: dem großen Friedensreiche der Propheten. So sieht unsere glaubensfremde Welt sich plötzlich wider Wissen und Willen überall und in allem angeschlossen an ihre von ihr so radikal verleugnete religiöse Vergangenheit. So machtvoll sind die ursprünglichen religiösen Wahrheiten durch alle profanen Wahrheiten unserer Welt durchgedrungen, daß sie wie die ursprüngliche Schrift eines immer wieder überschrieb enen Palimpsestes durchgeschlagen scheinen durch die Züge all der vielfältigen und gegensätzlichen Erkenntnisse, Ordnungen und Gestaltungen unserer Welt. Gewiß, sie sind darin durchaus zu etwas anderem geworden; die reale und die gedankliche Entwicklung haben den Grund der religiösen Wahrheiten gegen sich selbst herumgekehrt. Aber diese Entwicklung ist trotzdem kein Verdrängen von Abgestorbenem durch wesensmäßig Anderes, sondern sie ist eine lebendige Dialektik, in der der ursprüngliche Lebensgehalt auch im Gegensätzlichsten in irgendeinem, wenn auch noch so verhüllten Sinne immer wirkend geblieben ist, so daß aus ihm allem alles Spätere in seinem Gewordensein letzthin erschlossen werden kann. Und so erkennen wir seltsamer- und wunderbarerweise als den tiefsten Und festesten, als den eigentlich tragenden Grund, der unserem glaubenslosen, friedlosen heutigen Leben unterbaut ist, die messianische Verheißung des Weltfriedens. Die Geschichte selbst, die uns losgerissen hat von unserer höchsten 38t