Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 380 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900021--03830-2900117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Margarete Susman weist aber zugleich auch, daß seine Sendung noch lebt. Denn Israel ist seinem Wesen nach nichts als diese Sendung. Die Verheißung der Propheten liegt also — auch wenn Jahrtausende uns von ihr trennen — nicht hinter uns: sie liegt noch vor uns. Denn ihre Forderung ist noch nicht erfüllt. Wir bedürfen keiner neuen Propheten; die alten Propheten sind Antwort noch auf unsere Frage, sie haben die Tiefe unseres Abfalls für uns mit ausgemessen. Jedes Wort der Propheten des alten Israel trifft auf die Wahrheit unserer Zeit auf, als ob es eben erst gesprochen wäre. Gilt es nicht uns, uns heute lebenden Menschen aller Nationen, wenn Jesaja sagt: „Sie kennen den Weg des Friedens nicht und ist kein Recht in ihren Gängen; sie sind verkehrt auf ihren Straßen; wer darauf gehet, der hat nimmer Frieden"? Gilt es nicht uns, wenn Gott durch Jeremia sagt: „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen ihnen hier und da ausgehauene Brunnen, die doch löcherig sind und kein Wasser geben"? Und hören wir nicht das Schluchzen unseres eigenen Lebens bei den Worten über Zion: „Siehe, ihre Boten schreien draußen, die Engel des Friedens weinen bitterlich"? Es ist keines unter all den prophetischen Worten, das nicht uns und unseren Abfall, unsere Entfremdung vom Göttlichen mitmeint. Wir, wir selbst stehen noch so radikal wie irgendeine Zeit unter der prophetischen Forderung. Aber damit stehen wir auch unter der messianischen Verheißung. Das bedeutet nicht, daß uns die Frage nach der geschichtlichen Wahrheit unserer Haltung erspart bleibt — im Gegenteil: die einzige Form, in der wir die prophetische Wahrheit auf uns beziehen können, ist die geschichtliche Wahrheit. Wir heutigen Menschen können die Frage, wo wir stehen, nicht wie der Prophet unmittelbar vom Absoluten aus stellen und beantworten, weil wir es nicht mehr berühren; wir können sie nur stellen innerhalb des geschichtlichen Lebens, in dem allein wir uns zu erfassen vermögen: als Frage nach dem, an das wir kraft unseres Standortes heranreichen, was wir mit unserer eigenen, an diese Zeit, an diesen Raum gebundenen Existenz berühren. Dies ist die einzige Frage, die uns zusteht: ob wir als geschichtliche, geschichtsbezogene Menschen, als uns wandelndes und nur im Wandel uns erfassendes Dasein einen wahrhaftigen Anschluß an die messianische Verheißung zu gewinnen vermögen, ob und wie wir sie lebendig auf uns zu beziehen imstande sind. 380