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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 379

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Die messianische Idee als Friedensidee
Date
1929-10-01
Page
379 (sequence 5)
Language
German
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Die messianische Idee als Friedensidee ist als die m es spanische Idee der Vollendung zur Einen Menschheit, als Inhalt der paradoxen Hoffnung, selbst ein reines Paradox zu aller irdischen Existenz. Darum ist der Friede nicht nur Gnade, sondern auch Gericht: aus ihm heraus als der messianischen Zielidee geschieht das Gericht Gottes. Und jedesmal markiert darum die Erscheinung eines Propheten geschichtlich gesehen dasselbe: die auf einen Gipfel gestiegene Verzweiflung, den radikalen Abfall und die radikale Strafe des Volkes. Eine friedliche, beruhigte geglättete Welt kann die messianische Friedensidee überhaupt nicht begreifen; ihr ist der Friede ein freundlicher Engel mit dem Palmzweig, eine sie selbst und ihre Ordnungen beschützende Macht. Vor der messianischen Friedensidee dagegen fliegen alle Ordnungen wie von einem göttlichen Blitz berührt auf. Nur einer Welt der Verzweiflung — einer Verzweiflung, die sich selbst als Abfall inne wird, ist die messianische Friedensidee, was sie ist: absolutes Gericht zugleich und über den Abgrund herüberlohende überschwängliche Hoffnung: Hoffnung, die zugleich unbedingte göttliche Forderung an den Menschen ist, vor der er seiner Unzulänglichkeit und Nichtigkeit inne wird dadurch, daß sie ihm seine überschwänglichsten Möglichkeiten aufschließt. Daran — und nur daran — hängt die messianische Hoffnung für jede, auch die dunkelste Zeit: daß wir der Größe des Abstandes von ihrer Verwirklichung inne werden und ihr Gericht über uns erleben. Aber wie wäre gerade das denkbar, daß wir dazu die Kraft finden könnten? Den ganzen Abstand, die ganze Tiefe menschlichen Abfalls mißt nur der Prophet aus. Und wenn der Verfall aller absoluten Gewißheit das ganze gottverlassene Wissen von Jahrhunderten unserer Seele schon das Mark der rein persönlichen Entscheidungskraft ausgesogen hat — um wieviel radikaler muß uns die Kraft zu einer absoluten, aus Gott stammenden, die ganze Welt umfassenden Entscheidung ausgesogen sein: die Kraft zur Prophetie. Aber gegen dieses Verhängnis — und gerade aus ihm — erhebt sich eine Frage: Ist denn das Antlitz Israels, das die Propheten mit der Gewalt ihrer richtenden Hammerschläge aus der Masse des Volkes herauszumeißeln strebten, schon zu irgendeiner Zei,t vollendet? Ist Israel je zu dem geworden, wozu es bestimmt war? Ist es je zur Verwirklichung seiner Botschaft gelangt? Dann wäre es nicht mehr da. Denn die Erfüllung seiner Sendung wäre ja sein Aufgehen in den anderen Völkern, in der im Frieden geeinten Menschheit. Das bloße Dasein Israels beweist, daß seine Sendung nicht erfüllt ist. Es be- 379

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