Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 378 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman So erhalten wir sie niemals — wenn wir, wir heutigen Menschen, den Anschluß an das Heil, die Möglichkeit zum Heil verloren haben, so haben wir sie nicht nur für unsere Zeit — so haben wir sie für die Ewigkeit verloren. Denn es ist unser Heil — mein Heil, das Heil dieser einen lebendigen Existenz; nur in diesem einmaligen Dasein stellen wir ja, jeder mit seinem Dasein selbst, diese Frage: diese Frage, die keine andere ist als die, die von der Ewigkeit selbst an unser Dasein gestellt ist. Denn nicht nur wir fragen Gott — auch Gott fragt uns. Er fragt uns mit der Einen Frage, die er an die Entscheidung unseres Lebens richtet. Und diese einzige Frage, die von dem liimmlischen Richter an jede Seele, die vor ihm erscheint, gestellt wird, lautet nach dem Talmud: „Hast Du gehofft auf das Heil?" Damit finden wir uns in der umgekehrten Richtung; nicht mehr wir fragen nach der Hoffnung, sondern die Hoffnung fragt nach uns. Es ist uns nicht freigestellt, die Hoffnung preiszugeben; in unserer Hoffnung liegt unsere Bewährung. Nicht nur in dem Inhalt der Hoffnung liegt für uns das Heil* sondern das Festhaltenkönnen an der Hoffnung ist der Prüfstein für unsere Erlösbarkeit. Der Verzicht auf die Hoffnung wird zur Sünde. Die Hoffnung ist zur absoluten Forderung selbst geworden. Denn diese Hoffnung ist nicht wie eine andere, wie irgendeine rational begründete einzelne irdische Hoffnung. Die messianische Hoffnung ist grundlose Hoffnung; sie ist überhaupt aus nichts Irdischem abzuleiten, sie geht von keiner irdischen Wirklichkeit aus, sie ist kein Mythos, hat keine Gestalt; sie ist — als was sie mit dem steigenden Elend des Exils, der Diaspora, des Ghetto, immer deutlicher sich enthüll;, — eine aller Wirklichkeit entgegenstehende, eine vollkommen paradoxe. Sie steht im Gegensatz zu allem irdischen Dasein, ist ein reines Trotzdem: eine reine Kraft der Seele. Gerade aus der dumpfsten Finsternis und Verzweiflung, aus den Zeiten schwerster Verfehlung, radikalen Abfalls stieg immer die Flamme der messianischen Friedensverkündung am mächtigsten empor. Denn Friede bedeutet dem Judentum nicht jenes heitere Gleichgewicht aller Kräfte, das die Griechen Harmonia oder Sophrosyne nannten. Er bedeutet etwas Überschwängliches. Sein Gegensatz ist nicht wie dort Unordnung und Verwirrung, sondern er ist Unruhe und Streit, Leid und Sünde. Die jüdische Idee des Friedens ist nicht Ordnung, Ausgleich und Gleichgewicht, sondern sie ist Gnade, göttliche Versöhnung und Erlösung. Friede bedeutet Vollkommenheit, ist der Heilsbegriff der jüdischen Religion: 378