Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Die messianische Idee als Friedensidee
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 377 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900021--03827-2900114- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die messiamische Idee als Friedensidee deren ganzes Leben auf Trennung, nicht auf Vereinigung geht, deren Yereinigungsstreben selbst befleckt und unlauter ist, der Inhalt dieser Hoffnung: die geeinte Menschheit, der Friede der Welt mehr als ein bloßes fernes, unbegreifliches Wort? Was soll uns eine Idee, die für keine einzige Wirklichkeit unseres Lebens mehr Urbild und Vorbild ist, die auf keine Gestalt unserer Welt mehr auftrifft? Ja, kann eine Idee überhaupt für uns noch wahr sein, für die sich konkret zu entscheiden eine bare Unmöglichkeit scheint? Denn die feindselige Haltung der Nationen ist ja nicht das einzige was uns von der Menschheitshoffnung scheidet: weit tiefer noch scheidet uns von ihr, daß wir selbst, jeder einzelne von uns, in unserer Eutscheidungskraft aufgelöst sind, daß durch das Denken und Erkennen von Jahrhunderten kein Wert für uns unerschüttert ist, kein Sein mehr feststeht, daß mit dem Sein der Wahrheit auch unsere Entscheidung für sie zum Problem geworden ist. Es ist diese unsere heutige Lage, der Max Weber vor Jahren, unmittelbar nach dem Kriege, in einer Rede über die Wissenschaft als Beruf Ausdruck gegeben hat. Er hat in ihr die Jugend an eine rein objektive, von aller persönlichen Wertung und Entscheidung freie Wissenschaft als die einzige für den heutigen Menschen wahre gewiesen — aus der leidvolien Überzeugung heraus, daß in unserer entzauberten Welt das Geheimnis göttlicher Wirklichkeit mit der Kraft zu seiner Erfassung: dem Glauben zerstört ist, daß in ihr das Licht der Seele nicht mehr leuchtet, daß sie zu dunkel ist, als daß aus ihr der Strahl persönlicher Entscheidung überhaupt aufflammen, geschweige denn, daß er ein Stück Welt erleuchten könnte. Und es ist kein Zufall, daß der große Gelehrte die Frage dieser Weltstunde ausgesprochen hat mit dem Jesajawort: „Es kommt ein Ruf aus Seir in Edom: Wächter, wie lang noch die Nacht?" Er hat ein alttestamentarisches Wort zur Bezeichnung unserer Not gewählt. In ihm hat er die Frage alles religiösen Harrens gesehen. Auf sie hat er, der Wächter der Stunde, die Antwort erteilt: „Noch ist es Nacht: wenn ihr fragen wollt, kommt ein andermal wieder." Ein furchtbares Wort: das Wort der radikalen Verzweiflung. Ein andermal. Was soll das bedeuten? Wenn wir ein andermal wiederkommen — sind dann noch wir es, die wiederkommen? Sind wir nicht die, die nie wiederkommen, deren Leben ein Wind ist, die mit dem Worte Hiobs nicht wiederkommen zu schauen das Gute, die über einem Augenaufschlag von Gott vergehen? Wenn uns, uns selbst die Antwort auf die Frage nicht gegeben wird,. 377