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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Die messianische Idee als Friedensidee
Date
1929-10-01
Page
376 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Margarete Susman bedeutet ein Bild, ein Gleichnis Gottes. Ihr Ziel ist die Erschaffung eines Typus Mensch, der das göttliche Ziel vorbildlich darstellt. In Israel dagegen ruht die Verwirklichung Gottes nicht auf der Selbstrealisierung des Volkes, sondern auf seiner Selbstaufgabe. Hier geht es nicht um ein Bild Gottes, sondern um Gott. Um den Gott, von dem sich ein Bildnis im irdischen Stoff zu machen verboten ist. Nicht ein bestimmtes Menschenbild soll erschaffen und als göttliches Gleichnis und menschliches Vorbild den Völkern vorangetragen werden — nein: Israel soll „eine Schmach, Hohn, Exempel und Wunder sein allen Heiden" durch das Gericht über sein Volk, in dem Gott selbst sich als der Einzige offenbart und den ungeheuren Abstand seines erwählten Volkes von der Gottebenbildlichkeit enthüllt. Denn es ist nicht erwählt, zu sein, sondern zu künden. Nicht es selbst soll sein, sondern das von ihm Verkündete: die Eine geeinte Menschheit, in der allein die gottebenbildliche Gestalt des Menschen sich vollendet. Der Sturm des göttlichen Weltgerichtes, der in der Prophetie durch Israels Geschichte braust, vor dem Länder und Königreiche vergehen wie Staub, vor dem mächtige Städte hinsinken zu wüsten Steinhaufen: dieses ungeheure Gericht einer rein von Gott bestimmten Geschichte, das die Bedingtheit und Verfallenheit aller irdischen Gestalt in schauriger Größe offenbar werden läßt, stammt aus der messianischen Zielidee der gottebenbildlichen Menschengestalt: der Einen geeinten Menschheit. Diese Gestalt steht am Ende der Zeit: in der reinen Zukunft. „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht." Es selbst lebt im Dunkel, in irdischer Finsternis. Nicht in ihm — vor ihm in unendlicher Ferne ist das große Licht. Aber es ist keine bloße Erscheinung; es ist in Beziehung zu ihm: es weist und leitet; es ist ein Ziel. Es ist nicht starre Ewigkeit, es ist an sich reißende Zukunft; es ist nicht ein in sich ruhendes Gestirn; es ist lebendige Hoffnung: Hoffnung, die allen Zeiten, aller irdischen Zeit überhaupt voranleuchtet. Allen Zeiten. Damit wäre sie auch für uns noch wahr, diese überschwängliche Hoffnung — auch für uns noch lebendig? Aber dürfen wir das aussprechen? Haben wir heutigen Menschen das Recht auf diese Hoffnung, die Möglichkeit zu ihr nicht verwirkt? Vermögen wir, wie wir sind, wie wir geworden sind, auch nur an das Erlebnis dieser Hoffnung zu rühren? Ist einer Welt wie der unseren, die in Krieg und kriegerischer Gesinnung erstickt, 376

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