Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 371

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Vergiftung der öffentlichen Meinung
Date
1929-10-01
Page
371 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900019--03819-2900108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vergiftung der öffentlichen Meinung meinerungen zugrunde, und so kommt man zu Urteilsbildungen, die einer objektiven Prüfung nicht standhalten können. Das Verantwortungsgefühl der Gesamtheit gegenüber, der Wille, über Kleinigkeiten hinaus die großen Ziele des Lebens zu verfechten, gebietet, hier mit Aufklärungsarbeiten einzusetzen. Man darf dabei nicht optimistisch sein. Wie aus überzeugten Atheisten keine dogmengläubigen Katholiken, aus feadalen Agrariern keine klassenbewußten Proletarier werden, wie umgekehrt der durch Veränderung der äußeren Lebensbedingungen Kapitalist gewordene Proletarier nicht restlos in die Geisteshaltung des Kapitalisten eingehen wird, ebenso werden aus Judengegnern selten Judenfreunde. Wird aber einmal durch unparteiische und gründliche Untersuchung gezeigt, was in böswilliger Absicht an Unwahrheiten den Anhängern einer Lehre und dieser selbst angedichtet worden ist, so ist schon damit unendlich viel erreicht. Der Agrarier wird erkennen, daß die wirtschaftliche und soziologische Struktur den proletarischen Menschen zum Klassenkampf drängt, der Katholik, daß auch der Atheist ein in religiösen Bezirken zutiefst verwurzelter Mensch sein kann, und einer wird den andern menschlich demgemäß werten. Der Proletarier wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Haltung des Unternehmers nicht notwendig gegen seine Interessen gerichtet sein muß und der Judengegner, der nicht böswillig der Wahrheit sein Ohr verschließt, wird bald gesehen haben, daß alle markt- und mengebeherrschenden Behauptungen von der sittlichen Minderwertigkeit der Juden nur zweckdienliche Märchen sind. Schon durch die Bereitschaft zur Nachprüfung der über einzelne Gruppen und Anschauungen verbreiteten Urteile und Vorurteile werden die nur Unfrieden stiftenden Bestrebungen immer mehr an Boden verlieren. Kritik aus ehrlicher Gesinnung kann zur Besserung des bestehenden Zustandes und zur Abstellung von Mißständen beitragen. Solange aber die Atmosphäre nicht in einem Sinne gereinigt ist, wie wir es hier wünschen, solange wird es nicht möglich sein zu unterscheiden, welcher Angriff auf einen herrschenden Zustand der Absicht zu bessern entspricht, und welcher dazu dienen soll, den Unfrieden neu zu schüren, um dann im Trüben zu fischen. Wertvolle Energien bleiben so unbenutzt oder gehen ganz verloren. Diese Beobachtungen treffen für das gesamte öffentliche Leben zu. Die Gegnerschaft unter den politischen Parteien beruht zum Teil auf der immer mehr um sich greifenden unritterlichen Verbreitung längst als unwahr erwiesener Darstellungen in ständiger Wiederholung in Zeitung und Rede. Man 37t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.