Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Vergiftung der öffentlichen Meinung
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 372 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Holländer mag über den Wert oder Unwert der heutigen republikanischen Verfassung der einen oder der anderen Meinung sein, man mag die Sozialdemokratie hochschätzen oder ihr Programm für die Entwicklung unseres Gemeinwesens als gefährlich ansehen: die Fabeln, die über die Persönlichkeit des Reichspräsidenten Ebert im politischen Leben immer wieder verbreitet worden sind, um Mensch und System zu treffen, haben sicher auf das Äußerste vergiftend gewirkt. Und geht man auf die Grundlagen zurück, so findet man wieder die gleiche Erkenntnis: Schlagworte, Verallgemeinerungen, Spielen mit Begriffen, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben, bilden die Grundlage, auf der dann Urteile zustande kommen, deren Propagierung einen Schaden für die Allgemeinheit bedeutet. Wer im Volke weiß z. B., was man unter Marxismus versteht, und wer ist sich darüber klar geworden, inwieweit das System von Karl Marx heute noch Programmpunkt der Sozialdemokratischen Partei ist? Und umgekehrt: Was wird nicht alles als Reaktion bezeichnet?, wann ist das Urteil, eine politische Auffassung sei reaktionär, überhaupt begründet? Solche Beispiele unbegründeter Behauptungen lassen sich sowohl von links nach rechts als auch von rechts nach links in gleicher Weise finden. Die Grundlage politischer Erkenntnis und die Möglichkeit eines Urteils wird dadurch verfälscht, und eine Urteilsbildung über öffentliche Dinge erschwert. Daß in dem Gespräch von Mensch zu Mensch selbst in an sich gleichgültigen Dingen, die Frage „Ist denn irgendeine Behauptung oder eine der Erörterung zugrunde liegende Tatsache wahrscheinlich oder gar bewiesen?" fast niemals gestellt wird, daß die Gespräche meist wertlos sind, weil Behauptungen aufgestellt werden, die tatsächlich auf Sand gebaut sind, ist schon schlimm genug. In Angelegenheiten der großen OeffenÜichkeit aber ist die Unwahrheit wie auch die Unklarheit der Grundbegriffe Quelle größten Schadens. Dem abzuhelfen scheint fast unmöglich zu sein. Sicherlich ist es unmöglich, vollkommen reinen Tisch schaffen zu wollen. Aber eine Besserung ließe sich erzielen. Männer und Frauen aus allen politischen Lagern, aus allen Teilen unserer Gesellschaft sollten zusammenkommen und eine Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung bilden. Hier müßten in unparteiischer, nüchterner Untersuchung diejenigen Punkte, die im inneren Leben hauptsächlich zur Schaffung von Reiz- und Kampfzuständen führen, grundsätzlich geklärt werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen müßten weitgehend in den Kreisen der Männer und Frauen verbreitet werden, die im offent- 372