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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Weltgeschichte
Date
1929-10-01
Page
365 (sequence 4)
Language
German
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Weltgeschichte etwas Sinnloses und gewährt jedem Geschichtspessimismus ein Recht. Alles Ende und Ziel ist hier nichts anderes als ein immer wiederholter Untergang. Jedes Buch dieser Weltgeschichte dürfte dieses dunkle Wort in seinen Titel aufnehmen. Denn die letzten Ernten, von denen sie berichtet, das letzte Bild ihrer Felder ist immer wieder das eines Trümmerfeldes. Vor den rückwärtsgewandten Blick treten die Ruinen der Reiche, welche geherrscht hatten, der glänzenden Zivilisationen und auch der großen Pazifismen. Die letzte Antwort gibt auch hier wieder ein prophetischer Satz, ein Satz des Jeremias, den der Skeptiker Ernest Renan gern zitierte: „So mühen sich die Völker um ein Nichts und die Nationen um ein Entschwindendes und vergehen." Ebenso sinnlos ist, was sich als der Verlauf dieser Weltgeschichte darlegt. Denn das, was sie die Jahrhunderte hindurch sehen läßt, ist doch nicht die Geschichte einer Menschen w e 11, sondern nur die Geschichte verschiedener entgegengesetzter Völker; trotz aller aufgezeigten Beziehungen, Ähnlichkeiten und Wiederholungen bieten sich hier nur Teile dar, die für sich sind. Und es kann hier im Grunde gar nicht anders sein. Denn wie jeder Mensch ist jedes Volk ein Bereich für sich; es lebt sein besonderes Leben, es steht in seinen Grenzen und Bestimmtheiten, es ist zum mindesten in den Bezirk seiner Sprache eingefügt und eingeschlossen. Alle die verschiedenen Völker sind zueinander gestellt im Nebeneinander, das meist nur dafür da ist, um immer von neuem gestört und zerstört, ein Gegeneinander zu werden. Auch der Gang dieser Geschichte ist so nicht nur sinnlos, sondern destruktiv, sie führt einen Weg durch Trümmer. Es fehlt in ihr das Aufgebaute, das Bleibende, die Einheit. Jeder Weltgeschichte, die derart nur Geschichte von vielen Völkern und Mächten und daher Geschichte bloß von Auseinandersetzungen, Kriegen imd Friedenszeiten sein soll, geht in der Tat alles innerlich Verbindende und Gemeinschaftliche, alles Einheitliche, alles das also ab, was in Wahrheit erst die Weltgeschichte ausmacht. Einheit entsteht nicht durch Summierung und Verknüpfung vom Einzelnen; sie ist vielmehr immer Ausdruck und Ergebnis eines Schöpferischen. So ist der Kosmos als Schöpfung des einen Gottes eine Einheit; so bedeutet die sittliche Tat, so die Idee, so das Kunstwerk als Schöpfung des Menschen eine Einheit Nur durch ein Schöpferisches kann auch die Geschichte eine Einheit besitzen und damit Weltgeschichte sein. Jedes sittliche Vollbringen, jedes geistige Durchdringen, jedes künstlerische Gestalten, alles also, was das tiefste Menschliche verwirklicht, schöpferisch das Unendliche in 365

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