Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Weltgeschichte
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 364 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck erstere Pazifismus egoistisch — die Selbstsucht ist sein Inhalt —, so ist dieser andere, und das ist sein eigentlicher Mangel, zumeist inhaltlos, verschwommen und unbestimmt, ein Glaube, der nur ein Glaube, ein Enthusiasmus, der nur Enthusiasmus ist. Schon deshalb bleibt er wesentlich im Negativen. Zudem ist er oft nur, und darin gleicht er jenem egoistischen, Sorge und Furcht vor den Schrecken des Zusammenstoßes. Sein Programm ist daher in der Regel nur das negative: kein Krieg! Seinen positiven Charakter, seinen bestimmten Inhalt kann der Pazifismus, als Begriff wie als Glaube, nur durch den Gedanken der Gerechtigkeit, mit seinem Gebote der Entscheidung und Verwirklichung, erlangen. Friede ist nur Ausdruck von etwas; er gewinnt seinen sittlichen Sinn als Ausdruck der Gerechtigkeit. Die Erfüllung des wahren Rechtes eines jeden, sei er ein Einzelner oder eine Gesamtheit, ist deshalb seine unbedingte Voraussetzung, die ihm erst den Inhalt bringt. Es liegt eine klare Bedeutung darin, daß ein prophetisches Wort von dem Frieden sagt, daß er „das Ergebnis der Gerechtigkeit", und von der Ruhe und Sicherheit, daß sie „das Werk der Gerechtigkeit" sind. Wert und Bestand sind dem Frieden, dem innem wie dem äußern, nur durch die Forderung der Gerechtigkeit bereitet. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der bloßen Nächstenliebe, derjenigen, welche nur Nächstenliebe ist, tritt hier hervor. Auch diese bleibt ohne die erfüllte Voraussetzung der Gerechtigkeit leer, bleibt bei allem, was sie tut, doch eigentlich ein bloßes Empfinden und Schwärmen. Und wie die Wohltätigkeit bisweilen dazu dient und nicht selten auch dazu dienen soll, ein Ersatz für die Gerechtigkeit zu sein, in dem Schuldenden, aber auch in dem Verlangenden, die Forderung der Gerechtigkeit zum Schweigen zu bringen, ganz so kann der Pazifismus, für den Satten und auch für den Hungrigen, ein Surrogat der Gerechtigkeit werden. Er kann dazu führen und dazu nützlich sein, die Stimme der Gerechtigkeit zu beschwichtigen und stille werden zu lassen. Ohne das deutliche ganze Gebot der Gerechtigkeit ist der Frieden nur ein schöner Schein, und vielleicht nicht einmal ein schöner Schein, da er zuletzt die mahnende Wirklichkeit vergessen macht. Ohne die Gerechtigkeit fehlt ihm die Verwirklichung. Hier zeigt es sich, in welch entscheidendem Maße dieser wahre Friedensgedanke ein Faktor der Weltgeschichte ist. Ja es kann gesagt werden, daß durch ihn erst die Weltgeschichte ihren Gehalt und Sinn gewinnt. Das, was gemeinhin als Weltgeschichte erscheint, ist in seinem Ergebnis 364