Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Weltgeschichte
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 366 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck: Weltgeschichte das Endliche eintreten läßt, eine Einheit, eine Harmonie, einen Frieden in die Welt führt, ihr einen Sinn gibt, das allein schafft Weltgeschichte. Jedes Volk, jede Gemeinschaft, in der etwas von allen diesen schöpferischen Aufgaben lebt, ist weltgeschichtlich; jeder Mensch, der darin gebend und führend voransteht, ist eine weltgeschichtliche Persönlichkeit. Jede Leistung, die darin vollbracht wird, hat wahrhaft geschichtliche Bedeutung. Und Darstellung der Weltgeschichte ist Darstellung dieser Aufgaben in ihrem Werden und ihrem Weiterwirken, in ihrem Ruhen und Wiedererwachen, in ihren Niederlagen und Erfolgen. Eigentlichste Weltgeschichte ist daher die Geschichte der großen offenbarenden Religionen. Ihre Geschichte, soweit sie eben wirkliche Geschichte ist — nicht ihre weit umfangreichere Kirchengeschichte, die nur ein besonderes Gebiet der politischen Geschichte bezeichnet —, ist wahrhaft konstruktiv, Einheit schaffend und darum weltgeschichtlich, Friedensgeschichte. Die letzte vollendende Schöpfung, diese Harmonie, in der sich die ganze Menschheit formt und eint, ist das Zukunftsziel. Den Weg dahin, diese Geschichte der Welt, bezeichnet die Anerkennung und die Erfüllung aller Aufgaben, die diesem Ziele gelten. Und die Führenden auf diesem Wege sind die Aufgaben, die Gebote und die Ideen der wahren, der positiven, der sozialen, messianischen Gerechtigkeit, die in der Menschheit ihre Verwirklichung finden; denn sie schaffen am innerlichsten und. stärksten menschliche Gemeinschaft, diesen Ausdruck menschlicher Einheit. Die nur verbietende, negative Gerechtigkeit schützt Menschen und Völker in ihrem Nebeneinander, diese fordernde, positive, diese soziale, messianische Gerechtigkeit vereint Menschen und Völker, sie ist wahrhaft geschichtlich. Weltgeschichte ist vor allem Geschichte dieser Gerechtigkeit. Es ist die große Bedeutung des prophetischen, messianischen Gedankens, daß durch ihn zuerst aufgezeigt worden ist, was wahre Weltgeschichte ist, wie sie ihren Sinn in der Einheit der Aufgabe, diesem wahren Frieden gewinnt, und wie das Bewegende in ihr die Gerechtigkeit ist, diese Bewegung zum Ziele des Friedens hin. Als letzter Sinn und Ausdruck der Weltgeschichte ist dies hier erkannt worden. Hiernach, von diesem messianischen Standpunkt, allein kann auch die Frage beantwortet werden, welche geschichtliche Bedeutung einer Zeit zukommt, welches ihr Platz im Leben der Menschheit ist. 366