Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Weltgeschichte
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 363 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck: Weltgeschichte Besitz bewußt oder unbewußt das bestimmende Motiv gewesen; der Friedensenthusiasmns war im Grunde der Enthusiasmus für die Sicherung des Gewinns. Ebenso ist es innerhalb der Staaten nur zu oft gewesen. Erfolgreiche Stande waren immer geneigt und bereit, den inneren Frieden eindringlich zu verkünden; soziale Forderungen, Ansprüche der Zurückstehenden sollten als Vergehungen gegen ihn erklärt werden. Der Friedensgedanke wurde auch hier nicht selten zum Wächter des neuen oder ersessenen Erwerbs gemacht. Es war fast immer so, daß, wer die Macht hatte, nicht nur auch Recht haben, sondern auch als Bürge des Friedens in der Welt dastehen wollte. Hiervon völlig verschieden, ja oft diesem allen bewußt entgegengesetzt ist ein anderer, nur gleich benannter, Pazifismus. Er ist das edlere Friedensverlangen der Hungernden und Hoffenden. Auch er will die Ruhe, aber nicht die der Habe, sondern die der Sehnsucht; kein Krieg, keine Gewalt soll ihrem Suchen entgegen sein. Diese Sehnsucht des Entbehrenden und Ausschauenden hat ihre Stärke in dem Wissen, daß sie die gleiche ist diesseits und jenseits aller der Grenzen, welche die jeweilige Macht gezogen hat, daß überall, so verschieden auch die Sprachen sind, dasselbe menschliche Leiden und Bedürfen, dasselbe menschliche Lebensbegehren und Glückesverlangen seine Stimme erhebt. Wie die Macht, als Macht, auch Recht haben will und in der äußerlichen Geltung auch in der Tat immer Recht hat, da sie Gesetze vorzur schreiben vermag, ähnlich, aber freilich in innerlichem Sinne und in ganz anderer Bedeutung, gibt dieses Bewußtsein der großen Gemeinsamkeit ein stetiges Gefühl, im Rechte zu sein. Aus diesem Empfinden einer sittlichen, berechtigten Verbundenheit und Einheit kommt dieser andere, bessere Pazifismus hervor. Seine große Predigt ist, daß die Macht immer wieder trennt, aber der Wille zu der einen für alle gleichen, wahren Zukunft immer inniger zusammenführt, daß aller Zwist und Krieg nur der Selbstsucht dient, aber der Frieden den Weg der Menschen zum Glücke zeigt; der Frieden ist hier Beweis und Bürge der Sehnsucht. Jener Pazifismus des Satten ist ein Mittel zu einem Zweck, dieser andere, der des Hungrigen, ist der Glaube an ein Ziel. Aber auch ihm fehlt, so viel des Großen und Idealen mit ihm verbunden sein kann, ein Entscheidendes: der bestimmte Inhalt. Er ist ein Glaube, und aller Glaube, so wie alle Andacht und alle Begeisterung, ist an sich inhaltlos; er erhält seinen Wert erst durch den Wert seines Inhalts. Und auch der Begriff Friede ist im wesentlichen ein leerer Begriff; er ist gleichsam ein bloßer Rahmen, ein bloßes Wort; auch er bedarf des entscheidenden Inhaltes. Ist jener 363