Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Weltgeschichte
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 362 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Weltgeschichte Von Leo Baeck Der Gedanke, daß die Epochen der Geschichte bei aller Besonderheit des historischen Klimas und der kulturellen Lage doch wiederkehren, kann an wenigen Zeiten so sehr eine Unterstützung finden wie an der Gegenwart. Sie ähnelt in ihrem Geistigen und auch ihrem Politischen so vielfach dem letzten Abschnitt des sogenannten Altertums, daß sie fast wie seine Wiederholung erscheint. Damals wie jetzt hat sich bei aller Verschiedenheit des geographischen und zivilisatorischen Raumes, den einst und heute dieses Wort befaßt, ein Begriff der Menschen w e 11, der ein jeder zugehöre, gestaltet. Dort wie hier tritt, daraus hervor, die Forderung der Völkerverbindung und Menscheneinheit in das sittliche Denken und auch in das politische Streben ein. Dort wie hier beginnt damit der Pazifismus mit seinem Bild einer weithin reichenden Rechtseinheit, ohne Krieg und Gewalt, eine Hoffnung der Menschen und ein staatliches Programm zu werden. Heute wie damals ist aber der bestimmende Grund und Charakter dieser Richtung durchaus ein zwiefacher und zwiespältiger. Das gleiche Wort deckt zwei entgegengesetzte Inhalte. Derselbe Name will das Friedensverlangen der Satten und das der Hungrigen, den Wunsch des glücklichen Besitzes und den der hoffenden Entbehrung bezeichnen. Wer saturiert ist, predigt gern die Friedensidee. Er will in seiner Habe, in der Fülle und dem Genüsse dessen, was er sein eigen nennt, nicht beeinträchtigt sein. Er ist befriedigt, und wer ihn in seinem Reichtum und seiner Ruhe stört, soll als frevler Feind des Friedensideals auch hingestellt werden. In der Friedenspolitik und dem Friedensprogramm siegreicher Mächte in alter und neuer Zeit ist dieses Bedürfnis nach Obhut für ererbten und eroberten 362