Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 360 (sequence 10)
- Language
- German
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Otto Mell»r falls ausgesetzt sind wie die antiken, so dürfte die letzte Ursache wohl darin liegen. Die antiken Völker lebten in verhängnisvoller Verschlossenheit gegen alles, was jenseits ihres Volkes lag (Grieche und Barbar) und liefen ihre Bahn deshalb hemmungslos zu Ende. Nachdem dieser Zustand von einem übervölkischen Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsbewußtsein abgelöst wurde, ist jetzt jedes Volk gewissermaßen in allen andern mitverankert und wird mit von ihnen getragen. Es lebt nicht mehr in Vereinzelung, sondern in Sohicksalsverflochtenheit. Das ist sein bester Schutz. Die Mitverankerung vollzieht sich aber im Gewissen jener nicht nur völkisch, sondern auch übervölkisch orientierten Kreise. Leider ist zu sagen, daß die europäischen Völker seit der Renaissance in dieser Hinsicht eine rückläufige Bewegung durchgemacht haben, eine Hinwendung zum antik-heidnischen Nationalismus, und daß erst jetzt nach dem Weltkrieg wieder langsam die Überwindung dieser nationalen Überspannung sich anbahnt (Völkerbund, Wiedererwachen religiösen Geistes). Das Bewußtsein, daß man seinem Volke wahrhaft nur aus einer letzten übervölkischen Einstellung heraus dienen kann, hat mich mit Julius Goldstein aufs engste verbunden. In ihm glühte heiße Liebe zum deutschen Volk. Die Fehler unsrer Politik, die uns immer wieder in nationale Isolierung trieben, statt uns in tätiger Mitarbeit mit den Weltvölkern zu verbinden, haben ihn oft tief unglücklich gemacht. Durch seine Aufgeschlossenheit, seine ausgezeichneten Kenntnisse der angelsächsischen Welt, war ihm der Blick für die Schwächen unsres Volkes geschärft. Wenn er immer wieder seine ganze Kraft, ja Lebensarbeit für die Bekämpfung jener abwegigen völkischen Bewegung eingesetzt hat, so nicht nur deshalb, weil sie gegen das Judentum gerichtet ist und die Echtheit der vaterländischen Gesinnung des Juden anzweifelt, sondern vor allem, weil er sah, wie diese Bewegung die Stellung unsres Volkes nicht stärkt, sondern erschwert, indem sie uns nach außen hoffnungslos einsam und nach innen sträflich eng und unfruchtbar macht. Dem deutschen Volk und seinem Schicksal hat bis zum letzten Atemzug seine Sorge gegolten. Für dieses Volk hat er gearbeitet, gestrebt und gelitten, ihm hat er aufrichtig und treu gedient aus seiner konkreten beruflichen, sozialen, landschaftlichen und xeligiösen Situation heraus. Er war überzeugt, daß ihm diese Hingabe nicht irotz, sondern durch und aus seinem Judentum möglich sei. Er wußte, daß 360