Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Volknatur und Volkgeist
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 359 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900017--03805-2900096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Volknatur und Volkgeist gegen solche von Stümpern ein. Nicht anders ist es mit dem Streben nadb reinem Volkstum. Wenn es auch fremden Einflüssen unzugänglich gemacht werden könnte, wer wird es vor den eignen Toren und Narren schützen? Ebenso ist es vollständige Verkennung der im Wesen des Geistes liegenden Universalität, Völker voneinander absperren zu wollen. Die Eigenart eines Volkes kann immer nur darin bestehen, von einem bestimmten zeitlich und räumlich gegebenen Ort aus und in einer ihm eigentümlichen Weise Stellung: zu der ganzen ihm zugänglichen Welt zu nehmen, aber nie darin, Gesichtsffeld. und Aufgabenkreis willkürlich einzuengen und alles, was jenseits dieses Ausschnittes liegt, zu übersehen. Das aber ersehnen und erstreben unsere völkischen Kreise. Sie sehen nicht, daß die Größe und Bedeutung eines Volkes mit der Weite seines Blickes wächst, und daß mit der Aufgeschlossenheit der Welt und allen übrigen Völkern gegenüber nicht der eigne Standpunkt aufgegeben wird. Hier setzt nun die Bedeutung gerade jener Geistesmächte ein, die nicht nur gelegentlich Berührung mit andern Nationen schaffen, sondern grundsätzlich auf das Übernationale, Allgemein-Menschliche gerichtet sind, wie Wissenschaft, Kunst und vor allem die großen Weltreligionen, wie Judentum und Christentum, letzteres speziell in seiner übernationalen, katholischen, d. i. allumfassenden Prägung. Die Vertreter dieser Religionen werden immer der Verdächtigung nationaler Unzuverlässigkeit ausgesetzt sein, eben weil man nicht begreift, daß sich auch das Völkische nur im Übervölkischen vollenden kann, daß es jenes Übervölkische, das alle Völker zu einer Einheit zusammenfaßt oder zusammenfassen möchte, zur stillschweigenden Voraussetzung braucht. Sonst stünden die Völker ja in Isolierung und könnten sich weder von andern Völkern abheben noch mit ihnen messen. Die Vertreter jener übervölkischen Weltanschauungen sind deshalb weder Verräter noch unzulängliche Glieder ihres Volkstums, vielmehr umgekehrt dessen treueste und eigentliche Hüter und Förderer. Sie sind der Sauerteig, der das Volkstum in Bewegung hält und davor bewahrt, dumpf und stockig zu werden. Sie gerade haben die Kraft, ihr Volk vor dem Untergang zu schützen, weil sie nicht den Fehlern und Leidenschaften ihres Volkstums blind ausgeliefert sind, sondern übervölkische Maßstäbe zur Beurteilung besitzen. Sie können, wenn es nottut, sich gegen die Torheiten und Verbrechen des eignen Volkes anstemmen und ihm behilflich sein, sich zum rechten Weg zurückzufinden. Wenn man fragt, woher es kommt, daß die nachantiken Völker nicht mehr so leicht dem Schicksal des Zer- 359 25*